"Pension Schöller": Komödienfeuer frei auf arme Pensionäre

23. Oktober 2016, 20:23
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Im Wiener Burgtheater hat man den Schwank als Kletterparcours für beflissene Neurotiker freigegeben. Andreas Kriegenburgs Monster einer Inszenierung unterhält eher mäßig

Wien – Der Schwank Pension Schöller von Carl Laufs / Wilhelm Jacoby übt eine unverwüstliche Wirkung auf die Lachmuskeln aus. Seinen Reiz bezieht er aus der Anarchie. Ein Rentier aus dem Berliner Umland wünscht einen Käfig voller Nervenkranker zu sehen. Sein Neffe, auf Onkelchens Alimente angewiesen, schleppt den Einfaltspinsel daraufhin in eine angesehene Familienpension. Deren Gäste? Sind zwar klinisch unbescholten, aber tausendmal idiotischer, als es sich jeder Psychodoktor ausdenken könnte.

Im Wiener Burgtheater hat man die geschlossene Anstalt sicherheitshalber nach draußen verlegt. Durchgedreht sind schließlich immer alle. Um den Befund lachmedizinisch abzusichern, hat Ausstatter Harald B. Thor eine richtige Werkbundsiedlung des Humors errichtet. Hochhaussäulen mit Ziegeltapeten ergeben ein mopsfideles Klein-Berlin. Jeder Wohnblock bildet einen schlanken Buchstaben. Liest man die Siedlung von links nach rechts, erhält man die sympathische Aufforderung "SMILE".

Eingeschworene Parteigänger der guten Laune müssen sich trotzdem vorsehen. Gegeben wird nicht so sehr Pension Schöller. Gezeigt wird, was von dem Schwank übrig bleibt, wenn man eine Horde todesmutiger Burgmimen und -miminnen auf ihn loslässt. Der Stückkadaver bläht und dehnt sich und wächst zu schrecklicher, dreieinhalbstündiger Größe an.

Sprechdurchfall, was das Mundwerk hergibt

Das Theater von Regisseur Andreas Kriegenburg bildet die späte Vollendung gängiger Brecht-Prinzipien. Der Gutsbesitzer Klapproth (Roland Koch) ist als Berlin-Tourist auch ein hinreißender Ethnologe. In die Reichshauptstadt hat er eine alarmierende Krankheit mitgebracht, Sprechdurchfall im Endstadium. Er packt auf den Laufs/Jacoby-Text drauf, was das Mundwerk hergibt.

Ehe es aber so weit ist und er die Pensionäre reihum in die Arme schließt, wird man von einem Berliner Biergartenkellner (Sabine Haupt) noch einmal mit der Hausordnung der "Pension" vertraut gemacht: "Volles Haus, wa?" – "Knorke, wa?" Die Kultur, heißt es, bilde nur die Zuwaage für den Berlin-Trip mit seinen lässlichen Sensationen. Und damit es flutscht, streut der Kollege (Aenne Schwarz) noch einen Haufen Bananenschalen aus: "Killerslapstick für Touristen".

Klapproths Schwester (Alexandra Henkel) schlürft nicht etwa Schokolade, sondern kippt stamperlweise "Schüsse". Sie gebietet über ein Paar männermordender Töchter. In der Pension selbst (zweiter Akt) pflegt man das Herz auf der Zunge zu tragen. Ein absonderlicher Weltreisender (Michael Masula) mit Hang zur indigenen Bevölkerung Nordamerikas verpasst Koch eine schoschonische Behandlung mit Reisigbesen. Eine Rosamunde Pilcher des wilhelminischen Zeitalters (Christiane von Poelnitz) stolpert nicht nur verwegen über Sitzgelegenheiten. Sie ergießt ihr hennarotes Haar über den Eindringling.

Schöller ist weg

Dann wäre da noch Eugen Rümpel (Max Simonischek), dessen Hinneigung zu Thalia sich in langen Theatermonologen ohne den Buchstaben "l" kundtut. Ersetzt wird die widerspenstige Letter durch das "n". Jemand hätte ihm, dem verschwitzten Elend, mitgeteilt, er sehe "Knaus Maria" ähnlich. Komisch? Nicht unbedingt.

Sie alle – und noch ein paar mehr – türmen Textmassen auf den armen Schwank. Der ächzt und gibt klein bei. Selten wurde man von der Pension Schöller so wenig am Zwerchfell gekitzelt. Ein Schwarm von Neurotikdarstellern lädt zur Leistungsschau. An vorderster Unterhaltungsfront Roland Koch, dessen Suada allerlei Fundstücke enthält. Nicht alle verdienen das Prädikat "wertvoll". Es reimt sich "Leck" auf "Jelinek". Schöller? Ist weg.

Als technische Leistungsschau verdient der Abend so viel Anerkennung wie das Bundesheer, das seine Zelte aktuell neben der Burg stehen hat: "Panzer am Ring". Humorkanonen steuert das Haus am Ring großzügig bei. Der Applaus war enden wollend.(Ronald Pohl, 23.10.2016)

  • Gute Laune wird erzwungen: Roland Koch (li.), Max Simonischek.
    foto: schlager/apa

    Gute Laune wird erzwungen: Roland Koch (li.), Max Simonischek.

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