"Real Magic": Die Rateshow ist eine Käsekrainer

23. Oktober 2016, 20:01
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Meisterstück von Forced Entertainment im Tanzquartier Wien

Wien – Spielshows gehören zum Fernsehen wie das Schnäuzbare zur Nase – oder wie die Sünde zur Unbeflecktheit. Das Publikum zu Hause genießt die Offensichtlichkeit ihrer Ambivalenz zwischen Einfalt und Erbauung. In diesen Genuss zaubert die britische Performancegruppe Forced Entertainment in ihrem neuen Stück Real Magic etwas, das ihn ausrinnen lässt wie eine geschnittene Eitrige am Würstelstand. Präsentiert hat es das Tanzquartier Wien am Wochenende.

Das Publikum reagierte am Ende mit begeistertem Applaus. Warum eigentlich? Denn da war nicht nur dieser Forced-Entertainment-Effekt, in dem sich spielerische Lässigkeit mit künstlerischer Brillanz mischt. Der wirkt spätestens seit den1990er-Jahren, als die 1984 gegründete Gruppe berühmt wurde, bei so gut wie jeder ihrer Arbeiten. Wie zuletzt in Wien voriges Jahr im Brut Theater mit The Notebook über Ágota Kristófs Buch Das große Heft. Real Magic ist ähnlich heftig, jetzt aber auch in der dafür gewählten Form.

Spiel der Begriffe

Gut zwanzig Mal kommt die gleiche Szene wieder. Eine Rateshow mit Moderator, Kandidat und Darsteller, in wechselnden Rollen verkörpert von Richard Lowdon, Claire Marshall und Jerry Killick. Darin eine unmögliche Aufgabe: Darsteller denkt an Begriffe, die nur das Publikum von Tafeln ablesen kann, Kandidat muss sie erraten. Aus der immer neu variierten Wiederholung dieses Motivs platzt der ganze Zynismus des Spielshowprinzips: des Voyeurismus einer Genussgesellschaft, die notorisch Ablenkung mit Entleerung verwechselt.

Immer absurder werden diese Wiederholungen in ihrem Tanz der Rollen, Wörter, Worte, Gesten und Repräsentationen. So wird die Manie, sich beim Kulturkonsum auf stets das Gleiche in abgewandelter Form zu stürzen, aus dem Hut gezaubert. Genauso wie die Geilheit auf intensive Momente in der Blamage von Spielkandidaten und in der Lüsternheit des durch die Moderatorenfigur repräsentierten Mediums. Real Magic macht den Irrsinn im scheinbar Harmlosen spürbar. Richtig körperlich. Dem galt der Respekt des Publikums im Tanzquartier. (Helmut Ploebst, 23.10.2016)

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