Woran die Arbeitsmarktpolitik scheitert

24. Oktober 2016, 07:00
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Immer mehr offene Stellen trotz Rekordarbeitslosigkeit: Schelling sieht darin den Beleg für das Versagen der Arbeitsmarktpolitik von Sozialminister Alois Stöger. Zu Recht?

Wien – Es war einer von vielen Seitenhieben des schwarzen Finanzministers auf seinen roten Regierungskollegen: Ausgiebig kritisierte Hans Jörg Schelling in den letzten Wochen die Arbeitsmarktpolitik von Sozialminister Alois Stöger. Der in eine Frage verpackte Vorwurf: "Warum kriegt das Arbeitsmarktservice bei derzeit 390.000 Arbeitslosen 45.000 offene Stellen nicht besetzt?"

Der STANDARD hat die Frage weitergereicht, zu allererst an den AMS-Chef. Johannes Kopf entschlägt sich allerdings einer direkten Replik, er will nicht in ein politisches Scharmützel einsteigen. Ohnehin hat Kopf die Frage schon bei anderer Gelegenheit beantwortet: Dass trotz Arbeitslosigkeit Stellen offen seien, liege in der Natur der Sache, schließlich dürfe man sich Arbeitsmärkte nicht als etwas Statisches vorstellen. Täglich sprächen Unternehmen Kündigungen aus, täglich suchten andere neues Personal – und weil eine Besetzung eine gewisse Zeit brauche, gebe es immer offene Stellen.

Jobs in einem Monat besetzt

Das gelte besonders für die österreichischen Verhältnisse, sagt Helmut Mahringer vom Wirtschaftsforschungsinstitut: Saisonbranchen wie Tourismus und Bau haben großes Gewicht, der Kündigungsschutz ist schwach. Außerdem breiteten sich instabile Beschäftigungsverhältnisse aus, so der Experte. Ein Drittel jener Menschen, die innerhalb eines Jahres einen Job haben, arbeite nicht ganzjährig – Tendenz steigend.

"Erstaunlich rasch" würden verfügbare Posten besetzt, sagt Sozialminister Alois Stöger und verweist auf die Statistik des AMS: Demnach sind 74 Prozent aller offenen Stellen innerhalb eines Monats vergeben, 22 Prozent innerhalb von drei Monaten, drei Prozent innerhalb von sechs Monaten. Daraus sei die "beachtliche Leistung" der Jobvermittler ablesbar, argumentiert der SP-Politiker.

Rasanter Anstieg

Auffällig ist aber auch: Die Zahl der offenen Stellen steigt derzeit besonders rasant. Statt 29.251 im Jahresschnitt 2015 werden es laut Prognose heuer 40.700 sein.

Im Prinzip sei dies ein gutes Zeichen, sagt Helmut Hofer vom Institut für Höhere Studien (IHS), und zwar dafür, dass die Wirtschaft – wie in Österreich ja erwartet wird – anzieht. Allerdings müsste danach zeitverzögert die Arbeitslosigkeit sinken, doch das ist laut Prognosen nicht in Sicht. Spricht das nicht für Schellings Kritik, dass zu wenige Arbeitslose in Jobs gebracht würden? "So einfach ist die Sache nicht", erklärt Hofer. Ein Alarmzeichen wäre der Trend dann, wenn gleichzeitig das Angebot der Arbeitskräfte stabil bliebe. Doch tatsächlich steigt dieses, vor allem durch starke Zuwanderung aus anderen EU-Staaten, seit Jahren stärker als die Beschäftigung, was natürlich das Gedränge am Arbeitsmarkt erhöht.

Das bedeute nicht, dass es am Arbeitsmarkt überhaupt kein "Mismatch" – für eine Stelle findet sich kein passender Arbeitsloser – gebe, ergänzt Hofer. Auch Mahringer stellt fest: Es sei schwieriger geworden, Anwärter aus dem Pool der Jobsucher in offenen Stellen unterzubringen.

Weg in Frühpension versperrt

Gründe dafür gebe es viele: Eine immer größere Gruppe der Arbeitslosen sei in höherem Alter und/oder gesundheitlich angeschlagen, was an der demografischen Entwicklung, aber auch an zunehmend versperrten Wegen in die Frühpension liege. Zudem sei der Anteil der Langzeitbeschäftigungslosen stark gewachsen, in den letzten 24 Monaten von 29 auf 37 Prozent – und Bewerber, die schon lange keine Stelle gefunden haben, hätten bei vielen Firmen per se schlechte Karten.

Die Einführung der Mindestsicherung habe zusätzlich schwer vermittelbare Fälle auf den Arbeitsmarkt gebracht, sagt Mahringer: Die Bezieher seien in die Arbeitsmarktförderung eingebunden, gleichzeitig werde die Pflicht, eine Arbeit zu suchen, besser kontrolliert als früher bei der Sozialhilfe. Und dann sei da noch das Problem mangelnder Qualifikation: Zwar steige das Bildungsniveau der Arbeitskräfte, aber nicht so schnell, wie das Angebot an Jobs für Niedrigqualifizierte sinke.

Der Hebel liegt nicht bei AMS

Ob es das AMS in der Hand habe, diese Probleme zu beheben? Auch die beste Arbeitsmarktpolitik könne die schlechten Chancen der angesprochenen Gruppen nicht vollständig kompensieren, sagt Mahringer und verweist auf Studien, die der von Schelling kritisierten Institution sehr wohl Erfolg attestierten. Von Qualifizierungsmaßnahmen über Förderprogramme bis zur Jobvermittlung: Das AMS steigere definitiv die Chancen, Arbeit zu finden – mit einer Einschränkung: Unspezifische Trainings, etwa fürs Bewerbungsschreiben, hätten keine nachweisbar positive Wirkung.

Auch IHS-Experte Hofer sieht die Schwierigkeiten nicht in der Arbeitsmarktpolitik wurzeln. Um mehr Beschäftigung zu schaffen, müsste die Regierung vielmehr die Schulbildung verbessern, die Abgaben auf Arbeit senken und die Bedingungen für Unternehmen erleichtern. "Der Hebel", sagt Hofer, "liegt nicht beim AMS". (Gerald John, 24.10.2016)

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