Kaschmir-Konflikt: "Man sieht ja, wie Indien uns behandelt"

Reportage24. Oktober 2016, 08:00
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Der Unmut über die indische Militärpräsenz entlädt sich regelmäßig in Gewalt – daneben wächst der Islamismus

Seit 1947 führten Indien und Pakistan drei Kriege um die Himalajaregion Kaschmir. Und in den vergangenen Wochen stieg die Befürchtung, es könnte bald ein vierter folgen: Die Schusswechsel zwischen den Truppen an der Trennlinie der beiden Staaten nahmen ebenso zu wie die Drohgebärden; bewaffnete Widerstandskämpfer, die Indien als Terroristen und verlängerter Arm Pakistans sieht, griffen Kasernen im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir (J&K) an, die indische Luftwaffe bombardierte Stellungen im von Pakistan kontrollierten Grenzgebiet und droht damit, das zwischen beiden Ländern geteilte Wasser des Indus abzuschöpfen.

Schon davor war die Lage in Jammu und Kaschmir wochenlang hochgekocht – jenem Teil des umstrittenen Gebiets, der von Delhi aus verwaltet wird und für den es trotz UN-Resolutionen und Zusagen eines Zugehörigkeitsreferendums noch immer keine Lösung gibt. Dort sind die Proteste, die Selbstbestimmung fordern, zur Massenbewegung angeschwollen.

Besonders die Distrikte Südkaschmirs gelten als Rebellenhochburg. Schlägt man sich in die Stadt Pulwama durch, zeigen Poster mit Guerillakämpfern sowie "Azadi"-(Freiheits-) und Pakistan-Graffiti, wo die Sympathien liegen. Jugendliche bewachen Straßensperren aus gefällten Pappeln und Steinen. Sie prüfen, wer warum wohin will. "Das sind alles Freunde", beruhigt ein vorbeikommender Mopedfahrer. "Nur Polizeiagenten verprügeln Fahrer von Ambulanzen oder Journalisten, um unserer Freiheitsbewegung zu schaden." Polizei und Paramilitärs sind in Pulwama tatsächlich allgegenwärtig. Es herrscht Ausgangssperre. Schulen, Ämter und Läden sind geschlossen, Internet und Mobilfunk funktionieren nicht, die Luft riecht nach Tränengas. Im Nachbardorf Jandwall spielen Buben mit selbstgebastelten Kalaschnikows – noch sind sie nur aus Holz.

Der Ärger kocht über

13 Millionen Einwohner hat der Bundesstaat J&K, denen mehr als 700.000 Soldaten aus Indien gegenüberstehen. Schätzungen zufolge gibt es 150 bis 300 aktive Guerillakämpfer.

Revolten gab es zuletzt in den Jahren 2008 und 2010. Auslöser der aktuellen Spannungen war die Tötung des aus Südkaschmir stammenden populären Kommandanten der Hisbul-Mujahedin (HM), Burhan Wani, durch indische Sicherheitskräfte am 8. Juli. Die regierende, brüchige Koalition aus der Regionalpartei PDP und der hindunationalistischen BJP des indischen Premiers Narendra Modi wurde Ziel des Ärgers. Via Social Media erreichten Burhans politisch kämpferische Videobotschaften die entlegensten Dörfer.

Auch Sultan (12) hat sie gesehen. Der gute Schüler, der seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht haben möchte, weiß nun genau, was er will: "Mit 18 trete ich der HM bei." Erfahrungen sammelt er beim Steinewerfen bei Protesten. Am liebsten "serviert" er Armee oder Polizei "schwarzen Tee": "Wir schneiden die Kabel durch, dann haben sie kein Licht."

Keine Angst, von Schrotkugeln geblendet oder gar getötet zu werden wie schon so viele seines Alters? "Warum? Dann sterbe ich eben als Shahid für eine gerechte Sache." Der Märtyrertod gilt als hohe Ehre, Burhans Begräbnis besuchten über 200.000 Menschen.

Kalifat nicht unbeliebt

Sultan wünscht sich ein islamisches Kalifat. "Indien ist eine Demokratie. Man sieht ja, wie diese Demokratie uns behandelt." Einen Staat westlichen Zuschnitts favorisieren eher nur Intellektuelle in den Städten. An Pakistan will man sich nicht anschließen, propakistanische Slogans seien eher Provokation. "Einen unabhängigen Staat, so wie er vor 1947 war, mit den derzeit von Pakistan verwalteten Gebieten" – das erhofft sich der Lehrer des Orts. Auch er wünscht sich als Staatsform ein Kalifat so wie die wenigen Frauen, die sich zu sprechen trauen: "Dann würden wir nicht mehr von Soldaten belästigt."

Parallelen zur Ideologie des "Islamischen Staats" (IS), wie sie in Indien, aber auch im Westen oft gezogen werden, weist man von sich. Mushtaq Ul-Islam, Separatistenführer und Ex-Mujahedin-Kommandant, distanziert sich jedenfalls im Gespräch mit dem STANDARD: "Indische Geheimdienste werfen uns mit dem IS in einen Topf, um uns als Terroristen zu brandmarken. Mit diesen unislamischen Taten haben wir nichts tun." (Eva Maria Teja Mayer aus Pulwama, 24.10.2016)

Wissen: Gebietsstreit seit dem Jahr 1947

Die Himalaja-Region Kaschmir ist seit 1947 umstritten. Als Großbritannien den indischen Subkontinent 1947 in die Unabhängigkeit entließ und die mehrheitlich muslimisch besiedelten Gebiete an Pakistan fielen, optierte der Maharadscha von Kaschmir mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung für den Beitritt zur Indischen Union, was den ersten indisch-pakistanischen Krieg und die Teilung des Gebiets zur Folge hatte.

Etwa 60 Prozent der Fläche kamen zu Indien (1957 wurde der Unionsstaat Jammu und Kaschmir geschaffen), während der nordwestliche Teil als "Asad Kaschmir" (Freies Kaschmir) unter pakistanische Verwaltung gestellt wurde.

1965 kam es zum zweiten indisch-pakistanischen Kaschmir-Krieg, 1972 zum dritten. Und auch China okkupierte einen Gebietsteil. Seit 1989 kämpfen verschiedene Gruppen für die Vereinigung mit Pakistan oder für ein unabhängiges Kaschmir.

Auslöser für die jüngsten Spannungen war der Tod des Rebellenführers Burhan Wani im Juli. Es wurden mehr als 80 Menschen getötet. (red)

  • Kinder imitieren ihre Lebensrealität im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir, der Teil der zwischen Indien und Pakistan umstrittenen Region Kaschmir ist.
    foto: eva maria teja maier

    Kinder imitieren ihre Lebensrealität im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir, der Teil der zwischen Indien und Pakistan umstrittenen Region Kaschmir ist.

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