Deutschland: Polizei bestreitet Anrainer-Rufe bei Suizid von Flüchtling

23. Oktober 2016, 14:00
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Anrainer sollen "Spring doch" gerufen haben, bevor sich 17-Jähriger im thüringischen Schmölln in den Tod stürzte – Thüringens Ministerpräsident "fassungslos"

Berlin/Erfurt – Die Polizei im ostdeutschen Bundesland Thüringen hat eine hetzende Stimmung während des Suizids eines jungen Flüchtlings in Schmölln bestritten. "Wir haben dort keine Person brüllen hören oder Ähnliches", sagte ein Sprecher der Landespolizei am Sonntag. Während ihres mehrstündigen Einsatzes habe es auch "keinen besonderen Auflauf an Schaulustigen" gegeben. Allerdings seien an dem Tatort, in einem Plattenbau, sehr viele Balkone und natürlich immer Menschen, die irgendetwas rufen könnten.

Kurz bevor sich der 17-jährige Flüchtling in den Tod gestürzt hat, sollen Anrainer ihn zu dem Suizid ermuntert haben. "Uns liegen auch Informationen vor, dass einige, ich nenne sie mal Schaulustige, diesem Vorfall lange beigewohnt haben und wohl auch Rufe gefallen sein sollen wie 'Spring doch'", sagte Bürgermeister Sven Schrade (SPD) am Samstag dem MDR. "So etwas kann man nur verurteilen." Am Sonntag äußerte sich der Bürgermeister auch im sozialen Netzwerk Facebook über den Vorfall.

Der Tod des jungen Mannes habe viele Beileidsbekundungen, aber auch "unbegreifliche Kommentare" ausgelöst." Ebenso sollen am Ereignisort Äußerungen wie 'Spring doch' gefallen sein. Ob dies so war, werden die weiteren Untersuchungen der Staatsanwaltschaft ergeben. Wenn dies der Fall gewesen sein sollte, ist das nicht tolerierbar. Es ist verachtenswert, ja unmenschlich", schrieb Schrade.

Die vom Bürgermeister genutzte Quelle habe auf Polizeinachfrage gesagt, sie wisse von jemandem, der sinngemäß gehört haben wolle, dann soll er doch springen. Der Polizeisprecher sagte, schon wegen der vielen Konjunktive der Frau wisse er nicht, was tatsächlich gehört wurde. Er könne aber nicht definitiv ausschließen, dass tatsächlich so etwas gefallen sei. Der Geschäftsführer der Betreuungseinrichtung, David Hirsch, hatte zuvor gesagt, dass eine Mitarbeiterin entsprechende Rufe gehört habe.

Der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow reagierte mit Entsetzen auf die Berichte über den Selbstmord des Flüchtlings. "Diese Gier nach spektakulärem Geschehen lässt die Humanität auf der Strecke", schrieb der Linkspartei-Politiker am Sonntag auf Twitter. "Es lässt einen fassungslos zurück!"

Die Polizei in Altenburg hatte am Freitag eine Pressemitteilung herausgegeben, nach der ein 17 Jahre alter Somalier in seiner Unterkunft randalierte, weswegen die Polizei gerufen wurde. Als die Beamten eintrafen, habe der Jugendliche auf einer Fensterbank im fünften Stock gesessen. "Trotz allen Bemühungen der Einsatzkräfte sprang der Jugendliche aus dem Fenster", heißt es in der Mitteilung. (red, APA, Reuters, 23.10.2016)

Hilfseinrichtungen für Menschen, die sich in einer Krise befinden oder Suizidgedanken haben:

kriseninterventionszentrum.at

Psychiatrische Soforthilfe (0–24 Uhr): 01/313 30

Kriseninterventionszentrum (Mo–Fr 10–17 Uhr): 01/406 95 95

Sozialpsychiatrischer Notdienst: 01/310 87 79

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