Kämpfe um Aleppo nach Feuerpause wieder voll entbrannt

23. Oktober 2016, 13:30
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Beobachter melden Luftangriffe und starken Beschuss

Beirut – Nach dem Ende der Feuerpause in Aleppo sind die Kämpfe in der nordsyrischen Stadt am Sonntag wieder voll entbrannt. Regierungstruppen oder ihre russischen Verbündeten hätten mehrere Rebellengebiete bombardiert, meldete die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Es gebe zudem heftige Gefechte entlang einer Front, die für den Belagerungsring der syrischen Soldaten um den von Aufständischen gehaltenen Osten strategisch wichtig sei. Die neuen Kämpfe dämpften Hoffnungen, die notleidende Bevölkerung mit Hilfsgütern versorgen und Verwundete aus der Stadt bringen zu können. Die Vereinten Nationen (UN) wollten die Waffenruhe dafür nutzen.

Die Feuerpause war von Russland am Donnerstag einseitig für elf Stunden ausgerufen worden und jeweils täglich bis Samstag verlängert worden. Auch wenn nachts weiter gekämpft wurde, hatte die offizielle Waffenruhe bis Samstagabend weitgehend gehalten. Nach Einbruch der Dunkelheit wurden aber wieder Luftangriffe auf den Südwesten der Stadt geflogen. Aufständische nahmen nach Angaben der Beobachtungsstelle ihrerseits das von Regierungstruppen gehaltene Viertel Hamdanija unter schweren Beschuss. Die Rebellenallianz FSA forderte die Bewohner von Aleppo am Samstag auf, sich zu ihrer eigenen Sicherheit von Einrichtungen der Regierungstruppen fernzuhalten. Die FSA bereitet früheren Angaben zufolge einen Großangriff auf den Belagerungsring um Ost-Aleppo vor.

Lage der Bewohner katastrophal

Aleppo war einst die größte Stadt Syriens. Weil sich hier Rebellen und Regierungstruppen direkt gegenüberstehen, ist sie zum Schauplatz der heftigsten Kämpfe in dem jahrelangen Bürgerkrieg geworden. Russland und die syrische Armee hatten Bewohner und Aufständische aufgefordert, Ost-Aleppo während der Feuerpause zu verlassen. Dem scheint kaum jemand nachgekommen zu sein. Die Lage der verbliebenen Bewohner ist katastrophal.

Die UN erklärten, sie hofften weiter auf eine Chance zur Versorgung der Bevölkerung. Während der Feuerpause führten UN-Vertreter fehlende Sicherheitsgarantien und Unterstützung vor Ort als Grund an, warum sie die Bedürftigen nicht erreichen konnten. Die syrische Regierung hielt dem entgegen, sie habe längst grünes Licht gegeben und auch Busse und Krankenwagen bereitgestellt. Aber Angriffe von Rebellen auf die ausgewiesenen Wege behinderten die Transporte. Die Aufständischen hatten die Feuerpause nicht akzeptiert. Sie sahen darin lediglich einen Versuch der Regierung von Präsident Baschar al-Assad, die Stadt von politischen Gegnern zu entvölkern.

Eine Lösung des Syrien-Konflikts, der auf einen Aufstand gegen Assad zurückgeht, wird auch durch die Differenzen zwischen Russlands und der USA erschwert. Während die Moskauer Regierung hinter Assad steht, unterstützen die USA gemäßigte Rebellen in ihrem Kampf gegen die Führung in Damaskus.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier forderte Russland erneut auf, seinen Einfluss auf die syrische Führung zu nutzen, damit eine tragfähige Übereinkunft für Aleppo und letztlich ein Waffenstillstand für ganz Syrien möglich würden. Mit einseitigen Feuerpausen könne man sich nicht zufrieden geben. Alle unmittelbar und mittelbar Beteiligten seien jetzt gefordert. "Diese Chance verstreichen zu lassen wäre eine menschliche und politische Bankrott-Erklärung", sagte Steinmeier der "Welt am Sonntag". (Reuters, 23.10.2016)

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