Montenegros Präsident: "Größte Tragödie seit Zweitem Weltkrieg verhindert"

21. Oktober 2016, 17:58
20 Postings

Am Wahltag will die Polizei einen Putschversuch in letzter Minute gestoppt haben – Kritiker sehen darin jedoch eine Verschwörung der Regierungspartei

Podgorica – Fünf Tage nach einem mutmaßlichen Putschversuch in Montenegro hat sich erstmals auch Präsident Filip Vujanovic zu Wort gemeldet, ein Parteikollege von Premier Milo Djukanovic. Am Sonntag sei "die größte Tragödie seit dem Zweiten Weltkrieg" verhindert worden, erklärte Vujanovic am Freitag gegenüber dem Onlinemedium "Analitika". Die Stabilität des Landes sei ernsthaft bedroht gewesen.

Die montenegrinische Staatsanwaltschaft hatte am Sonntag erklärt, eine Gruppe von 20 pro-russischen Serben festgenommen zu haben, die nach Schließen der Wahllokale – das Land wählte am Sonntag ein neues Parlament – die Kontrolle über das Parlament übernehmen und "eine gewisse Partei" zum Sieger erklären hätte wollen. Nach Angaben von Staatsanwalt Milivoje Katnic gegenüber dem TV-Sender "Vijesti" planten die Festgenommenen zudem, das Feuer auf vor dem Parlament versammelte Bürger und Polizisten zu eröffnen.

Gespaltenes Land

Im Wahlkampf war vor allem die künftige geopolitische Ausrichtung des Adriastaats beherrschendes Thema. Das Land ist zwischen einer weiteren Annäherung an EU und NATO sowie einem Kurswechsel in Richtung Moskau gespalten. Premier Djukanovic hat Russland in den vergangenen Wochen mehrmals vorgeworfen, sich zugunsten der prorussischen Opposition in den Wahlkampf eingemischt zu haben. Vor diesem Hintergrund schien ein Putschversuch pro-russischer Gruppen zunächst plausibel.

Der Chef der pro-russischen Opposition wies diesen freilich umgehend als "derbe Propaganda" zurück. Serbiens Premier Aleksandar Vucic gab sich angesichts des Timings am Tag der Parlamentswahl "verwundert". Auch der im Mai aus den Reihen der prowestlichen Opposition bestellte Innenminister Goran Danilovic zeigte sich angesichts der Erklärung der Staatsanwaltschaft überrascht. Er sei von der Polizei nicht über die Festnahme der Serben informiert worden, erklärte er Medien gegenüber.

Er selbst sei von Anfang an auf dem Laufenden gewesen, sagte Präsident Vujanovic am Freitag. "Es ist offensichtlich, dass man mithilfe dieser Gruppe Montenegro in eine anarchische und chaotische Gesellschaft verwandeln wollte", fügte er an Kritiker gewandt hinzu.

Die Opposition wirft der DPS-Partei von Langzeit-Premier Djukanovic seit langem einen autoritären Regierungsstil, Mafia-Methoden und Korruption vor. Nach den Wahlen vom Sonntag könnte Djukanovic sein Amt verlieren: Zwar landete die DPS mit 36 von 81 Mandaten klar an erster Stelle, eine absolute Mehrheit verfehlte sie jedoch. Die Opposition kündigte zuletzt an, eine Minderheitsregierung bilden zu wollen. (APA, 21.10.2016)

  • Präsident Filip Vujanovic mit Premier Milo Djukanovic.
    foto: ap/bozovic

    Präsident Filip Vujanovic mit Premier Milo Djukanovic.

Share if you care.