"It's a Free World": Betroffenheit darf man sich sparen

22. Oktober 2016, 16:00
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Ken Loachs Spielfilm auf der Meidlinger Bühne des Werk X

Wien – Als sich der Rauch legt, wähnt man sich in einer Kartonagenfabrik (Bühne: Thomas Oláh), aber das trügt. Ein Personalbüro, Erdbeerfelder, ein Wohnwagenpark sind die Schauplätze der kommenden 100 Minuten. Ein weiteres Kapitalismusstück hat zum Saisonstart auf die Meidlinger Bühne des Werk X gefunden. Nämlich eine Adaption von Ken Loachs Film It's a Free World (2007): Angie wird von ihrem Chef angegrapscht, und als sie sich dagegen zur Wehr setzt, gekündigt. Sie macht sich nun als Leiharbeitsvermittlerin selbstständig, wird darüber allerdings selbst zur Ausbeutenden.

Es ist jedoch eine gegenüber dem Film facettenarme Fassung des Themas, die gegeben wird. Loach porträtiert ein System, in dem der Einzelne in seiner Integrität ins Wanken gerät und sich zwischen den Fronten selbst verliert. Von der Bühnenfassung nimmt man pflichtschuldig zur Kenntnis: Bosse, Politiker und Banker sind schlecht, illegale Arbeitnehmer – Sympathieträger aus Osteuropa – arm und gut. Und Angie? Die will so reich werden, wie man es mit ehrlicher, eigener Arbeit eben nicht wird.

Laut und vermeintlich intensiv

Regisseur und Ken-Loach-Fan Alexander Simon hat sich beim ästhetischen Programm der Eindeutigkeit halber denn auch für "laut" (Angie: Leila Abdullah) entschieden – mit hibbeligem Nebenton (Julia Jelinek als ihre Freundin und Geschäftspartnerin Rose). Popsongs emotionalisieren die Szenen. Die vermeintliche Intensität von durch das Publikum vor sich hindurchstarrenden Frauen begleitet manchen Monolog.

Ausdruck bringt das nur bedingt. Der Abend gerät stumpf und plump, vor allem auch gemessen an dem Anspruch zu belehren. Wenn man etwas sagen will, das relevant sein könnte, dann muss das nämlich nah dran sein, präzise.

Dass es hierzulande etwa keine Wohnwagenparks als Orte der Armut gibt, dafür kann Loach nichts, doch werden sie auf der Wiener Bühne zum bloßen Gemeinplatz. Es wäre Aufgabe der Regie gewesen, dem entgegenzuarbeiten. Zur Not muss man hinausgehen und recherchieren. Besonders in einer Zeit, die neuerdings "postfaktisch" genannt wird. Betroffenheit darf man sich sparen. Einen Spielfilm in Ehrerbietung nachzuspielen reicht nicht. Das ist sogar ärgerlich wenig. (Michael Wurmitzer, 22.10.2016)

Werk X, bis 17.11.

  • Schachteln bestimmen das Bühnenbild.
    foto: chloe potter

    Schachteln bestimmen das Bühnenbild.

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