Sea Watch meldet Angriff auf Flüchtlingsboot vor Libyen

21. Oktober 2016, 15:38
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Laut der Hilfsorganisation hat die libysche Küstenwache ein Schlauchboot geentert, mehrere Menschen seien gestorben

Berlin/Rom – Die libysche Küstenwache hat nach Angaben der Hilfsorganisation Sea Watch am Freitag ein Flüchtlingsboot angegriffen und den Tod mehrerer Menschen verursacht. Die Besatzung eines Speedbootes mit der Aufschrift "Libysche Küstenwache" habe das Schlauchboot mit etwa 150 Menschen an Bord geentert und sei mit Knüppeln auf die Menschen losgegangen, teilte die deutsche Hilfsorganisation mit. An Bord des Flüchtlingsbootes sei Panik ausgebrochen. Es sei umgekippt, und der Großteil der Menschen sei ins Wasser gerutscht. Die Helfer von Sea Watch hätten sich zwar bemüht, möglichst viele von ihnen zu retten. Eine zweistellige Zahl von Menschen sei jedoch ertrunken.

Vier bewusstlose Opfer des Zwischenfalls würden medizinisch versorgt, erklärte Sea Watch. 120 Flüchtlinge seien gerettet worden und befänden sich nun an Bord des Schiffes "Sea Watch 2". Der Vorfall habe sich 14 Seemeilen (knapp 26 Kilometer) vor der libyschen Küste ereignet, als die Helfer von Sea Watch den Menschen in dem Flüchtlingsboot Schwimmwesten und Medikamente hätten aushändigen wollen. Die beiden Boote der Helfer seien auf aggressive Art und Weise besetzt worden. "Bisher ist völlig unklar, warum die libysche Küstenwache so vorgegangen ist", erklärte Sea Watch und forderte eine Aufklärung des Vorfalls.

Marine weiß nichts von dem Vorfall

Ein Sprecher der libyschen Marine in Tripolis erklärte, er habe nichts von dem Vorfall gehört. Auch ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr sagte, die deutsche Marine habe bisher keine Erkenntnisse. Die Bundeswehr beteiligt sich mit der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern", dem Versorgungsschiff "Werra" und knapp 300 Soldaten am EU-Einsatz "Sophia" zur Rettung von Flüchtlingen und der Bekämpfung der Schleuserkriminalität vor der libyschen Küste.

Italien hat dieses Jahr bereits 146.000 Bootsflüchtlinge aufgenommen, die zumeist von Libyen aus in See gestochen waren. Im gesamten vergangenen Jahr erreichten 153.000 Personen über das Mittelmeer Italien.

Schiff von Ärzte ohne Grenzen beschossen

Die libysche Küstenwache hatte Mitte August bereits das Rettungsschiff "Bourbon Argos" der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen beschossen. Bewaffnete hätten von einem Speedboot in mehrere hundert Metern Entfernung zunächst auf das Schiff gefeuert und seien dann an Bord gekommen, teilte die Organisation damals mit. Etwa 50 Minuten später hätten sie das Schiff verlassen, ohne etwas mitzunehmen. Die Helfer hätten solange in einem geschützten Bereich ausgeharrt. Nach dem Zwischenfall war unter anderem das deutsche Versorgungsschiff "Werra" zur Position der "Bourbon Argos" geeilt.

Bei der Besatzung des Küstenwachbootes handelte es sich nach Angaben der Bundesregierung um unerfahrenes und nicht entsprechend ausgebildetes Personal. Es habe die "Bourbon Argos" als verdächtiges Fahrzeug eingestuft und durch die Abgabe von Warnschüssen zum Anhalten zwingen wollte, antwortete die Regierung auf eine kleine Anfrage der Linken. Dabei sei es zu den nicht beabsichtigten Treffern gekommen.

Kommende Woche soll die Ausbildung der libyschen Küstenwache durch europäische Soldaten beginnen, an der sich auch die Bundeswehr beteiligt. Nach Angaben der Bundesregierung verfügt die libysche Küstenwache über drei Boote in Tripolis, drei in Misrata und zwei in Suwara sowie eine geringe Zahl von Speedbooten. (Reuters, 21.10.2016)

  • Flüchtlinge, die aus dem Mittelmeer gerettet wurden, erreichen Sardinien. Das Foto wurde im Mai 2016 aufgenommen.
    foto: apa / afp / gabriel bouys

    Flüchtlinge, die aus dem Mittelmeer gerettet wurden, erreichen Sardinien. Das Foto wurde im Mai 2016 aufgenommen.

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