"Nathan": Taten statt Worte

21. Oktober 2016, 16:59
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Im Theater an der Gumpendorfer Straße wird das Stück der Aufklärung in die Gegenwart geholt. Eine aktuelle Auseinandersetzung mit dem Glauben

Wien – Ein gebrechlicher Mann im Rollstuhl, sein Gesicht ist nicht zu erkennen, lässt einen Ring schätzen. Nicht irgendeinen, sondern jenen aus der berühmten Ringparabel. Einen materiellen Wert besitzt er nicht, doch ist sein ideeller umso größer. Dem Träger verleiht er die Gabe, angenehm gegenüber Gott und den Menschen zu sein. In ihrer "Nathan"-Inszenierung, frei nach Gotthold Ephraim Lessings Stück der Aufklärung, rückt Regisseurin Dora Schneider die zentrale Ringparabel noch mehr in den Fokus.

Das Schmuckstück wurde von Generation zu Generation an den liebsten Sohn weitervererbt. Nun steht der jetzige Träger vor dem Dilemma, drei Söhne zu haben, die ihm gleichermaßen viel bedeuten. In der Bearbeitung von Autor Thomas Richter sind ihm seine Söhne hingegen so sehr verhasst, dass der Vater nicht entscheiden kann, wem er die Bürde des Ringes auferlegt. Denn vor den Menschen stets angenehm zu sein, das ist kein Spaß. Der Ring wird daraufhin dreigeteilt und jeder Sohn im Glauben gelassen, er sei der wahre Erbe. Bis unter den Geschwistern ein Streit entsteht.

Tolerante Gewalt

Schneider inszeniert die drei Brüder, die immer wieder die eigentliche Handlung durch ihre Zankereien unterbrechen, als dümmliche Gestalten in orangen Bademänteln (Kostüm: Angelika Daphne Katzinger). Das fünfköpfige Ensemble schlüpft abwechselnd in die Rolle der Söhne, sie könnten jedermann sein.

foto: anna stöcher
Die Brüder streiten um die Echtheit ihres Rings.

Richters Text verdichtet die Handlung auf das Wesentliche. In "Nathan" kämpfen die Vertreter der drei großen Religionen Judentum, Christentum und Islam gegeneinander. Jeder fordert von den anderen mit Gewalt mehr Toleranz ein. "Man muss kaputt machen, was einen kaputt macht", ruft Recha, Nathans Tochter, einmal. Sie will Taten statt Worte sehen. Voller Tatendrang sind die Schauspieler auch auf der Bühne (Alexandra Burgstaller), gefordert zu klettern, zu kriechen oder sich hinter Wänden zu verbergen.

Die spannende Handlung hätte von dem auflockernden Zwischenspiel der Brüder auch weniger vertragen. Der Applaus ließ etwas auf sich warten, er fiel dann umso begeisterter aus. Den Zusatz "der Weise" hat Autor Thomas Richter weggelassen. Ob sein "Nathan" wirklich klüger ist als alle anderen, lässt er offen. (Katharina Stöger, 21.10.2016)

  • Recha (Elisabeth Veit) kämpft für mehr Toleranz.
    foto: anna stöcher

    Recha (Elisabeth Veit) kämpft für mehr Toleranz.

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