Fernsehpreis: Wo die "Vorstadtweiber" entzücken

21. Oktober 2016, 15:04
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TV-Jury: Krimidichte bleibt hoch, ein weißes Kaninchen über Kindesmissbrauch sticht hervor

Berlin – "Großartig, wunderbar, erfrischend anders!" Beim Thema "Vorstadtweiber" kommt Susanne Hoffmann ins Schwärmen. Geht es nach der Festivalchefin, hätte sich die ORF-Serie von Sabine Derflinger und Harald Sicheritz nach dem Drehbuch von Uli Bree den Prix Europa auch verdient.

Dass die "Weiber" tatsächlich den begehrten Medienpreis in der Kategorie "TV Spielfilm" davontragen, glaubt Hoffmann aber nicht. Die Sprachbarriere sei ein Hindernis: "Die deutschsprachigen Länder haben es im Prix Europa schwerer", sagt Hoffmann, die Europas wichtigsten Medienpreis nun schon seit 30 Jahren ausrichtet.

270 Juroren

Die Auszeichnung in zehn Kategorien vergibt eine Fachjury, bestehend aus Produzenten, Autoren und Regisseuren, die jedes Jahr im Oktober eine Woche im Berliner Haus des Rundfunks zusammensitzen, die 231 Nominierungen aus 24 Ländern sichten und diese am Ende des Tages gründlich besprechen. Die rund 270 Juroren kommen gern, erhalten sie doch so eine Leistungsschau öffentlich-rechtlicher Fernseh-, Radio- und Digitalprogramme aus ganz Europa.

Aus dem Leben eines Samenspenders

Der ORF ist mit vier Produktionen vertreten. Neben "Vorstadtweiber" sind das

  • das digitale Projekt "#HowtobeanAustrian",
  • das Hörspiel "Die Juden" und
  • das Feature "Kinderüberraschung. Aus dem Leben eines Samenspenders", allesamt für Ö1, im Rennen.

Wie ein bronzener Stier

Die Trophäe, ein bronzener Stier, wird in zwölf Kategorien vergeben. EU-Kommission, regionale Institutionen und 30 Trägermedien, darunter der ORF, finanzieren ihn. Zu den rund 600.000 Euro Jahresetat steuert der ORF rund 15.000 Euro bei. Die Preise wurden am Freitagabend in Berlin vergeben.

Krimihype auf dem Höhepunkt

Die Bandbreite ist groß, Trends sieht Festivalchefin Hoffmann bei True Crime, das Beste aus Europa käme "nach wie vor aus Skandinavien, aber kleine Länder wie Tschechien holen auf".

Den Krimihype sieht sie auf einen Höhepunkt zusteuern: "Machen wir uns nichts vor, nantürlich sind die tollen nordischen Politkrimis fantastisch, aber da ist auch ein Ende abzusehen."

Gesprächsstoff

Für Gesprächstoff sorgten dieses Jahr unter anderen:

  • The Magnitzky Act Andrei Nekrasov erzählt die Geschichte vom rätselhaften Tod des Anwalts Sergej Magnitzky in einem russischen Gefängnis. Im Zuge der Recherchen stößt er auf Ungereimtheiten, hinter der Nekrasov eine große Verschwörung rund um Magnitzkys Chef, den US-Investmentbanker Bill Browder, vermutet. Die Doku ist umstritten, eine Fernsehpremiere in ZDF oder Arte steht bis dato aus. Das ZDF beruft sich auf Klagen, Nekrasov sieht Browder dahinter.
  • Das weiße Kaninchen Der ARD-Film von Florian Schwarz mit Devid Striesow als schleimigen Pädophilen verstört nachhaltig. Ungewöhnlich fürs Fernsehen: Es gibt definitiv kein Happy-End.
  • The Siege von Remy Ourdan und Patrick Chauvel für Arte in der Kategorie TV-Dokumentationen befragt Zeitzeugen zur brutalen Besetzung von Sarajewo im Jugoslawienkrieg.
  • In Rage: Zeroed In Die tschechische Krimiserie folgt dem mit Makeln behafteten Kommissar Kune ins gewaltbereite Erzgebirge. (Doris Priesching, 21.10.2016)

Die Reise erfolgte teilweise auf Einladung des Prix Europa.

  • Verstörend und  kein Happy End: Der ARD-Film "Das weiße Kaninchen" mit Lena Urzendowsky sorgte für Gesprächsstoff bei der Fachjury des Prix Europa und geht als einer der Favoriten in der Kategorie "TV Spielfilm" ins Rennen.
    foto: swr/andreas wünschirs

    Verstörend und kein Happy End: Der ARD-Film "Das weiße Kaninchen" mit Lena Urzendowsky sorgte für Gesprächsstoff bei der Fachjury des Prix Europa und geht als einer der Favoriten in der Kategorie "TV Spielfilm" ins Rennen.

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