Comic-Ikone in Wien: Batmans Pratergeschichten

23. Oktober 2016, 09:00
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Der Dunkle Ritter bestand seine Abenteuer nicht nur im düsteren Gotham. Zweimal verschlug es ihn auch nach Wien

Selbst eine der größten Comic-Ikonen des DC-Verlags kennt ihn: The Prater – The famous amusement park. Kein Wunder, hat doch Batman, der Dunkle Ritter, selbst zweimal die düsteren Häuserschluchten seines heimatlichen Gotham verlassen, um in der schönen Donaustadt seine Abenteuer zu bestehen.

Batmans erster Besuch im Wiener Prater war denkbar kurz. Bereits 1957 (Heft 248 der Serie Detective Comics) reiste er in einer Art Schnitzeljagd um die Welt, um gestohlene Medizingüter wieder zu beschaffen. In einem einzigen Bild kämpft er gemeinsam mit seinem Sidekick Robin in einem Riesenrad gegen Schurken – dann geht die Reise weiter. Um das als Wiener Prater zu identifizieren, braucht man viel Fantasie, denn ohne Bildunterschrift würde man wohl nie darauf kommen.

Bei seinem zweiten Aufenthalt war alles anders. Das Heft hat alle Attribute, die ein damaliges Comic der jugendlichen Leserschaft bieten konnte: Spione, Action, Superhelden und mit Wien eine exotische Kulisse. Ausgabe 88 von The Brave and the Bold erschien im März 1970 und war durch und durch ein Produkt seiner Zeit: Batman muss im Kalten Krieg dem US-Geheimdienst helfen. Ein zwielichtiger Spion will bei den internationalen Jugend-Sportspielen in Wien wichtige Daten über einen Raketenstart an die Sowjets verkaufen. Da trifft es sich gut, dass Bruce Wayne als Trainer der US-Fechtmannschaft mitreist. Dass der Milliardär und Society-Playboy Wayne unter der Fledermausmaske steckt, darf als bekannt vorausgesetzt werden.

In Wien beginnt er mit der Suche, er durchwandert den nächtlichen Heldenplatz und wird in der Innenstadt fündig. Doch – wie sollte es anders sein – der Bösewicht kann nach einer Verfolgungsjagd durch das Kanalnetz entkommen. Gäbe es einen Soundtrack zum Comic, würde wohl Anton Karas' Zittermusik erklingen. Danach erspäht er den Boxtrainer der US-Mannschaft, wie er verdrossen in den Prater geht. Ted Grant ist ein altgewordener Boxchampion, der an seinen Fähigkeiten zweifelt und seine geheime Superheldenkarriere als Haudegen Wildcat beenden will. Der Showdown erfolgt genretypisch. Batman stellt ihn in einem Wagon des Riesenrads zur Rede und fordert ihn zum Zweikampf. Da kann der schnauzbärtige Schaffner noch so laut zetern: "Donnerwetter! Ein Fledermausmann! NEIN! NEIN! Verboten".

Die Gondel geht zu Bruch, doch Ted Grant findet seine Motivation wieder. Die braucht er dann auch im Boxkampf mit dem sowjetischen Trainer um seinerseits Batman zu retten. Dieser wird nämlich Opfer einer hinterlistigen Attacke, wie sie nur in der Mehlspeishauptstadt Wien denkbar ist. Ein getarnter Agent überrumpelt ihn mit den Worten "Some Schlag, mein Herr?" Doch statt Schlagobers für einen Schilling – 1970 ein stolzer Preis – wird der Dunkle Ritter mit Gas aus einem Spritzbeutel betäubt!

Dass Batman aus seinem Gefängnis auf einem Donauschiff gerettet wird, die Sowjets den Kampf verlieren und der Spion gefasst wird, steht am Ende nicht zur Diskussion. Noch wachte die Comics Code Authority, eine freiwillige Zensurstelle der US-Comicverlage, über die Moral dieser Publikationen. Ohne ein Prüfsiegel der seit 1954 tätigen Stelle kam kein Comic in die Verkaufsregale.

Diese Ausgabe mit Batman übertrifft qualitativ viele gleichartige Auslandsabenteuer von Comichelden. Meist reichen ein, zwei gezeichnete Postkartenansichten und jede Menge Klischees als Kulisse. Für den mitteleuropäischen Raum wird dabei oft bis heute eine Art Kuckucksuhrromantik fabriziert: ein paar Fachwerkhäuser und Lederhosen reichen. Nicht so hier.

Wien ist wiedererkennbar, auch wenn es wie aus dem Film Der dritte Mann aussieht. Gezeichnet hat das Heft Irv Novik, der namentlich nur noch Experten bekannt ist, obwohl seine Arbeiten in den größten Museen der Welt hängen. Denn Novik zeichnete die Originale der Düsenflieger-Comics, die von Andy Warhol ins Riesige vergrößert zu unbezahlbaren Ikonen der Pop-Art wurden und diesen berühmt machten.

Noch überraschender ist aber das Skript von Bob Haney. Ihm ist zu verdanken, dass in der US-Ausgabe überraschend gutes Deutsch gesprochen wird! Das ist nämlich selbst heute noch die Ausnahme. Meist müssen die wenigen deutschsprachigen Figuren nicht nur damit hadern, dass sie militaristische Bösewichte mit NS-Vergangenheit sind und groteske adelige Namen voller (falscher) Umlaute haben – sie sprechen auch ein scheußliches Kauderwelsch.

Wien scheint den DC-Verlag jedoch überhaupt langfristig beeindruckt zu haben. Als Lois Lane, Supermans Dauerfreundin, in Action Comics 787 im Jahr 2002 die Stadt besuchte, schwärmte sie so von ihr, dass sie über einen Job beim Wiener Tourismusverband nachdachte. Doch das ist eine andere Geschichte. (Stefan Brocza, Andreas Brocza, Album, 23.10.2016)

Stefan Brocza, Europarechtler, und Andreas Brocza, Politologe, beschäftigen sich unter anderem auch mit dem Thema "Politik in Comics".

  • Auf diese Art von "Schlagobers" war Bruce Wayne alias Batman nicht gefasst.
    foto: dc comics

    Auf diese Art von "Schlagobers" war Bruce Wayne alias Batman nicht gefasst.


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