Kind tobt, Mutter weint: Warum Eltern hilflos sein dürfen

Kolumne23. Oktober 2016, 17:00
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Viele Eltern glauben, dass sie ihren Kindern gegenüber keine Hilflosigkeit oder Schwäche zeigen dürfen. Dabei wünschen sich Kinder vor allem authentische Eltern

Frage:

Wir sind eine Familie mit zwei Töchtern (fünf und drei Jahre alt). Beide sind wundervolle und aufgeweckte Mädchen. Unsere Ältere bereitet mir Sorgen, denn wir haben fast täglich das Problem, dass sie emotional kippt. Oft können wir nicht nachvollziehen, warum. Im Grunde kennen diese Situation sicher viele Eltern, doch bei uns kommt noch Schreien, Treten, Weinen, Springen und Toben dazu. Außerdem hört sie nicht mehr damit auf. Bei unserer kleinen Tochter hilft es, beruhigend mit ihr zu reden und sie zu umarmen. Bei der Großen ist es etwas anders. Ich habe anfangs noch versucht, auf sie einzugehen, sie zu beruhigen oder ihr zu helfen. Als das nicht half, versuchten wir es mit Drohen oder mit einer Auszeit.

Meinem Mann ergeht es genauso: Nach zehn oder manchmal zwanzig Minuten Geschrei wird es uns zu viel. Wir halten den Tobsuchtsanfall nicht aus. Unsere Tochter hingegen steigert sich immer mehr hinein, springt herum und brüllt, schimpft auf ihre Schwester oder auf uns. Manchmal wechseln wir uns ab, aber oft geht das leider nicht (weil wir nicht immer beide gleichzeitig zu Hause sind).

Ähnliches passiert im Kindergarten, der sehr bemüht ist, aber auch keine Lösung findet. Eine Kinderkrankenschwester meinte, nachdem sie so einen Anfall unserer Tochter erlebt hatte, es wäre wie ein Nervenzusammenbruch bei einem Erwachsenen.

Wenn ich sie toben lasse, dann braucht es eine gute Stunde, bis sie dann so stark weint, dass sie Nähe zulässt. Wir kuscheln uns dann zusammen, und erst dann kann sie sich halbwegs lösen. Ich schaffe es aber eigentlich nie so lange, weil sie mich und um sich tritt. Oft tut sie sich dann selbst weh. Ich verliere einfach die Geduld, werde wütend, dabei bin ich hilflos. Momentan hilft es am besten, ihr meine Zuneigung zu entziehen. Dann kommt sie auf mich zu und lässt sich trösten.

Ich bin unsagbar hilflos. Ich würde ihr gerne die Last abnehmen, aber das geht leider nicht. Nächstes Jahr kommt sie in die Schule. Wie soll das werden, wenn sie regelmäßig zusammenbricht? Ich will weder mit ihr schimpfen, noch ihr eine Auszeit geben, nur weil sie ihre Gefühle nicht verarbeiten kann. Ich möchte ihr auch nicht meine Zuneigung entziehen, das ist die falsche Botschaft. Aber mir fehlt es an Ideen. Für Vorschläge wäre ich Ihnen wirklich sehr dankbar.

Antwort:

Wenn Kinder diese Art von Muster wie Ihre große Tochter entwickeln, wird das Leben für alle zum Gefängnis ohne Fluchtmöglichkeit. Ich sage oft: "Wenn Sie alles versucht haben, und nichts hat geholfen – probieren Sie es mit der Wahrheit über sich selbst." Aber vorab ein paar Anmerkungen:

Niemand von uns weiß, wieso Ihre Große dieses Muster entwickelt hat. Aber ihr Verhalten ist die einzige für sie mögliche Art, mit ihrer eigenen Frustration umzugehen. So wie ihre Tochter spricht und sich verhält, entsteht der Eindruck, dass jeder um sie herum Schuld an ihrer Situation hat und deshalb auch eine Lösung für das Problem haben muss. Das ist nicht der Fall.

Was auch immer sich Eltern als Bestrafung einfallen lassen – den Raum zu verlassen, die Kinder in ihr Zimmer zu schicken et cetera –, das mag vielleicht dem Verhalten der Kinder kurzfristig Einhalt gebieten. Aber es wird dem Kind nicht helfen, diese Situationen mit anderen Menschen, etwa mit Freunden, Lehrern, später in Partnerschaften, zu lösen. Um es kurz zu fassen: Jeder wird hilflos bleiben.

Ihr Drama besteht meiner Vermutung nach darin, dass Sie einfach nicht wissen, was Sie tun könnten, um Ihre Tochter weniger unglücklich zu machen. Das macht Sie traurig, unglücklich und hilflos. Es führt unweigerlich dazu, dass Sie sich selbst die Schuld geben und sich vorwerfen, eine schlechte Mutter zu sein. Sollte ich damit richtig liegen, versuchen Sie es das nächste Mal so: Probieren Sie ein paar Ihrer üblichen Strategien aus. Wenn diese nicht funktionieren, setzen Sie sich hin und weinen Sie. Ihre Tochter wird irgendwann aufhören zu toben, sich entweder beruhigen oder Sie fragen, was los ist. Die Antwort darauf ist: "Ich fühle mich so hilflos und wie eine furchtbare Mama, weil ich Dir in Deinem Schmerz nicht helfen kann. Das macht mich so traurig. Gib mir ein paar Minuten, vielleicht hab ich eine geniale Idee."

Viele Eltern glauben, dass es falsch sei, Hilflosigkeit und Schwäche den Kindern gegenüber zu zeigen. Die Wahrheit ist, dass es niemandem schadet, weder dem Kind noch der Beziehung. Vielmehr gibt es dem Kind einen realistischen Einblick, wer seine Mutter ist, was übrigens gut für jede Beziehung ist.

Da ich Ihre Tochter nicht kenne, kann ich nicht voraussagen, wie sie reagieren wird. Aber irgendwann können Sie sie zu einem Brainstorming einladen und in etwa so beginnen: "Wir fühlen uns beide schrecklich, wenn das passiert. Ich als Deine Mama sollte wissen, wie ich das Problem lösen kann, nur bis jetzt ist mir das nicht gelungen. Kannst Du mir helfen?"

Mit dieser Einladung wird sie sich nicht mehr wie ein schreckliches Kind und als Last für Sie empfinden. Ich bin mir sicher, dass sich ihre Reaktionen in ein paar Monaten ändern werden. Sie wird immer die Tendenz dazu haben, ihre "Erdung" in bestimmten Situationen zu verlieren. Aber je früher Sie lernt, wie sie auf sich achtgeben kann, umso besser. (Jesper Juul, 23.10.2016)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul regelmäßig Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Seine nächste Kolumne erscheint am 6.11.2016.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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