Bauen für Flüchtlinge: Die große Chance?

23. Oktober 2016, 12:00
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Bauen für Flüchtlinge ist das heiße Thema der letzten Monate. So vielfältig die politischen und kulturellen Ausrichtungen der Länder, Bauträger und Institutionen, so unterschiedlich fallen auch die geplanten und gebauten Resultate aus

Die Geschichte ist wahrlich keine schöne. Wie auch andere Bundesländer zerbrach sich Niederösterreich in den letzten zwölf Monaten den Kopf darüber, wie man die in Österreich aufgenommenen Flüchtlinge unterbringen konnte. Ein cleveres, kostengünstiges und rasch zu errichtendes System musste her. Doch als der ehemalige niederösterreichische Wohnbaulandesrat Wolfgang Sobotka (VP) Anfang des Jahres seine Pläne für eine Wohnbau-Sparschiene präsentierte, ging ein Raunen durch die Architektenschaft.

Der ersonnene Modulbau in Holzriegelbauweise mit jeweils acht Kleinwohnungen sollte in hundertfacher Ausfertigung über ganz Niederösterreich verstreut werden. Das Angebot mit Sonderförderung und außer Kraft gesetzten Förderrichtlinien richtete sich an 800 Flüchtlingsfamilien und finanziell schwache Österreicher. Blöd nur, dass das Projekt an eine primitive Kiste erinnerte. Die außen liegenden Treppen vor den ohnehin schon kleinen Fenstern versperrten die Aussicht. Und auch die vor dem Haus situierten Parkplätze für insgesamt acht Pkws verstärkten den Eindruck, dass man das Projekt in Mobilitäts- und Wohlstandsbelangen nicht so ganz erfasst haben könnte.

Tsunami an Kritik

"Die Bauqualität in Niederösterreich ist in den letzten 15, 20 Jahren bescheiden geworden", meint Christoph Mayrhofer, Sektionsvorsitzender der Architektenkammer für Wien, Niederösterreich und Burgenland, im Gespräch mit dem STANDARD. "Doch die vorgeschlagene Billigschiene in Blau-Gelb ist der Höhepunkt. Die Häuser erinnern an Stall- und Lagerflächen und sind in meinen Augen skandalös. Kosten einzusparen, indem man die Qualität auf null reduziert, sind ein ziemlich eindeutiges Statement, was man von jenen Menschen hält, für die man eigentlich baut."

Der Tsunami an Kritik führte dazu, dass Sobotka und seine Nachfolgerin Johanna Mikl-Leitner das Projekt überarbeiten ließen. Die beiden Architekturbüros amm und Franz Gschwantner haben die Außentreppe ins Innere des quadratischen Hauses verlegt, die Grundrisse neu arrangiert und französische Fenster bis zum Boden vorgesehen. Um sich vom unglücklichen Projektstart zu distanzieren, bekam die Wohnbau-Offensive mit Wohn.Chance NÖ einen neuen Namen.

Parallel zur Überarbeitung durch amm und Gschwantner beteiligte sich auch die TU Wien an einer Evolution des Projekts. Irene Ott-Reinisch und Paul Rajakovics vom Institut für Wohnbau arbeiteten mit ihren Studentinnen und Studenten ein Semester lang an einer möglichen Neuausrichtung der Flüchtlingshäuser. Das Resultat, so der Deal, sollte in die Wohn.Chance NÖ miteinfließen. Doch davon will man beim Land nun nichts wissen.

250 Euro Miete. Und sonst?

"Es gibt bereits an die 70 Gemeinden, die ein großes Interesse bekundet haben, an diesem Programm teilzunehmen", sagt Helmut Frank, Chef der niederösterreichischen Wohnbauförderung, auf Anfrage des STANDARD. "Aber es dauert, bis so eine Maschinerie ins Laufen kommt. Die Ausschreibungsphase ist abgeschlossen. Nun starten die Verhandlungsgespräche. Ich gehe davon aus, dass die ersten Projekte in den kommenden Wochen bewilligt werden könnten." Zu den ersten Gemeinden, in denen die Modulbauten realisiert werden, zählen etwa Bisamberg, Langenlois, Loich, Langau und Unterstinkenbrunn.

Und ja, meint Frank, die Entwürfe der TU Wien seien durchaus inspirierend gewesen, aber auch nicht wirklich für den Massenwohnbau geeignet. Am Projekt werde sich daher nichts ändern. Dieser Zug ist abgefahren. Das Gute daran: "Durch die niedrigen Baukosten können wir die Nettomiete für eine 60 Quadratmeter große Wohnung auf 250 Euro senken. Und der Eigenmittelanteil, der sonst sehr hoch ausfallen kann, ist mit 2000 Euro pro Wohnung gedeckelt", so Frank.

Billig geht man auch andernorts an die Sache heran: Tirol will in den kommenden drei Jahren einige Hundert Billigwohnungen auf den Markt bringen. Möglich wird dies durch ein Zurückschrauben der Ansprüche bei Ausstattung und Bauweise. Und in Oberösterreich wird aktuell nach dem sogenannten "Standardausstattungskatalog" gebaut, der gemeinnützige Wohnbauträger zum Billigstbauen geradezu ausweglos zwingt.

Kleinräumig denken

Dass es auch anders geht, beweist das Bundesland Vorarlberg. "Ich halte es für einen Fehler, an irgendwelchen Ortsrändern eine billige Notfallarchitektur hinzustellen", sagt der Rankweiler Architekt Andreas Postner. "Die Billigschienen, die derzeit in Österreich in Umlauf sind, beweisen, dass wir uns in einem gesellschaftlichen Backlash befinden. Mich stimmt das, ehrlich gesagt, traurig."

Sein Vorschlag: Flüchtlinge nicht an den Ortsrand zu drängen, denn das schaffe nur Ghettobildungen. Stattdessen sollte man kleinräumig denken und die Menschen in gemischten Strukturen unterbringen. Das sei der Schlüssel zur Integration. "Noch besser wäre es, die Flüchtlinge am Hausbau zu beteiligen – so wie das auch in jenen Ländern Usus ist, aus denen viele der Menschen geflohen sind. Aber das ist im Augenblick noch Utopie."

Aktuell arbeitet das Team Postner, Kaufmann und Duelli an vier Wohnprojekten in Feldkirch, Rankweil, Meiningen und Götzis. "Das Wichtigste ist, dass wir günstig, aber hochwertig bauen. Es bringt nichts, wenn wir für die Geflüchteten die Standort- und Bauqualität runterschrauben. Was ist das für ein Zeichen? Und vor allem: Wie nachhaltig ist das? Unsere Häuser sind so beschaffen, dass sie flexibel und in gleicher Weise auch für die österreichische Bevölkerung attraktiv sind." Die ersten Wohnungen werden im Sommer 2017 übergeben.

Das Prinzip Lust und Freude

Wie so eine schöne, ansprechende Menschlichkeit aussehen kann, zeigt ein aktuelles Projekt in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus. Für die Hilfsorganisation Caritas wandelten die PPAG Architekten eine ehemalige Seniorenpflegestation in ein Flüchtlingsheim für unbegleitete Kinder und Jugendliche um. Vor zehn Tagen wurde die Caritas-WG für insgesamt 35 Kinder in Betrieb genommen. Die Umbaukosten: Beliefen sich auf 300.000 Euro für knapp 1000 Quadratmeter.

"An der baulichen Substanz mussten wir nicht viel ändern, das meiste Geld floss in den Möbelbau sowie in den Ausbau der Küchen- und Sanitäreinrichtungen", sagt Christian Wegerer, Projektleiter bei PPAG. Gebaut wurde mit den billigsten Baustoffen am Markt – mit MDF, OSB und unbehandelten Dreischichtplatten. Der Wiener Künstler Stefan Nessmann entwickelte Muster für Stoffe und Vorhänge. Der Rest ist Ikea. "Dieses Projekt hat Lust und Freude gemacht", sagt Wegerer. "Ich hoffe, dass zumindest ein Teil davon auf die hier Wohnenden überspringen wird."

Die Einbettung in die urbane Infrastruktur sei ein sehr wichtiger Faktor, erklärt Caritas-Teamleiterin Tamara Majnek. Auf diese Weise hätten die Kinder und Jugendlichen Zugang zu Vereinen, Deutschkursen und beruflicher Ausbildung. "Natürlich haben auch Wohnprojekte auf dem Land eine gewisse Qualität – allerdings nur, wenn die dafür notwendigen Rahmenbedingungen und die nötige Verkehrsinfrastruktur geschaffen werden. Das ist leider nicht immer der Fall."

Architektur kann nicht heilen. Auch nicht allerbeste Architektur. Aber vielleicht kann sie einen klitzekleinen Hauch lindern. Die ersten Kinder sind bereits eingezogen. Sie kommen mit einem Koffer – und vielen Erlebnissen und Traumata im Gepäck. (Wojciech Czaja, 23.10.2016)

  • So kann Wohnen für Flüchtlinge aussehen.
    foto: paul bauer

    So kann Wohnen für Flüchtlinge aussehen.

  • Ein Caritas-Wohnheim für unbegleitete Kinder und Jugendliche von PPAG Architekten
    foto: paul bauer

    Ein Caritas-Wohnheim für unbegleitete Kinder und Jugendliche von PPAG Architekten

  • Nicht alle derzeitigen Flüchtlingswohnprojekte werden dieser Qualität gerecht.
    foto: paul bauer

    Nicht alle derzeitigen Flüchtlingswohnprojekte werden dieser Qualität gerecht.

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    foto: paul bauer
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