Architekt Markus Pernthaler: "Licht und Jalousien werden zentral gesteuert"

24. Oktober 2016, 09:00
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Der Architekt Markus Pernthaler hat in Graz ein Haus für sich und seine Familie geplant, in dem er gleichzeitig wohnen und arbeiten kann

Der Grazer Architekt Markus Pernthaler wohnt in einem selbstgeplanten Wohn- und Bürohaus, das viele als smart bezeichnen. Doch die wahre Smartness, sagt er, liegt nicht in der Elektronik, sondern im täglichen Leben.

"Ich finde den Begriff Smart Living interessant, aber ambivalent. Es hat für mich damit zu tun, wo ich wohne, wie die Infrastruktur ausschaut, wie der öffentliche Verkehr beschaffen ist und wie leicht die Einrichtungen des täglichen Bedarfs erreichbar sind. Die meisten Menschen – und auch die Medien – setzen Smart Living mit digitalen Technologien und elektronischen Spielereien gleich. So gesehen wohne ich gar nicht smart, obwohl ich persönlich das schon finde.

foto: j. j. kucek
"Geschmack ist nichts anderes als das Produkt der eigenen Geschichte." Markus Pernthaler mit Hund und Tablet in seiner Dachgeschoßwohnung in Graz.

Früher habe ich mit meiner Familie in St. Peter gewohnt. Unsere Kinder waren klein, und die Umgebung war grün. Es war die richtige Entscheidung. Doch das ständige Pendeln ins Architekturbüro ist mir zunehmend auf die Nerven gegangen. Also habe ich nach einem Ort gesucht, wo ich zugleich wohnen und arbeiten kann. Am Mühlgang haben wir das passende Grundstück gefunden.

Mit dem Wohn- und Bürohaus Rondo, das wir anstelle einer alten Mühle errichtet haben, ist ein Passivhaus mit Erdregistern zum Heizen und Kühlen sowie einer Solaranlage am Dach und an der Fassade entstanden. Im Erdgeschoß ist mein Büro, im sechsten Stock befindet sich unsere 140 m² große Wohnung. Doch das Wichtigste ist: In fußläufiger Umgebung ist alles, was wir zum täglichen Leben benötigen. Das ist für mich smart.

Die einzige elektronische Smartness, die wir nutzen, ist ein BUS-System, mit dem man Licht und Jalousien zentral steuern kann. Das finde ich praktisch. Dann muss ich nicht durch jedes Zimmer rennen und jeden Schalter einzeln betätigen, wenn ich die Wohnung verlasse oder die Sonne in die Wohnung knallt. Das war's dann mit den elektronischen Gimmicks.

Das Haus wurde 2007 fertiggestellt. Es war ein erster Versuch, mit vernünftigen Mitteln einen gut akzeptablen Passivhausstandard zu erreichen, ohne dabei Kopfstände machen zu müssen. Mittlerweile ist die Entwicklung viel weiter. Es gibt Leute, die ihren Kühlschrank von unterwegs kontrollieren, ihre Waschmaschine übers Handy einschalten und die Espressomaschine über eine App aktivieren. Das finde ich eher entbehrlich. Es braucht dann doch den direkten Kontakt, das haptische Erlebnis, das Klicken des Schalters. Ich muss den Gegenstand angreifen können. Ich möchte das Wohnen in meinen Händen spüren.

Ich denke, daraus erklärt sich, wie wir wohnen und eingerichtet sind. Die Wohnung ist schlicht und offen. Wir schauen hinaus auf den Volksgarten und den Schlossberg im Hintergrund. An der Einrichtung zeigt sich die Herkunft meiner Frau Susanna Ahvonen. Sie stammt aus Finnland und ist ebenfalls Architektin. Und so umgeben wir uns natürlich mit Möbeln von Alvar Aalto, mit finnischen Marimekko-Stoffen, mit diversen Designklassikern aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Und ja, wir haben auch einen Eames-Lounge-Chair. Das gehört wohl dazu, wenn man sich ein Leben lang mit Architektur und Design, mit der Geschichte des Möbelbaus, mit der Gestaltung von Lebensräumen beschäftigt. Ich finde unsere Möbel schön. Ich finde sie praktisch. Und ich finde sie für uns sehr passend. Letztendlich ist ja Geschmack nichts anderes als das Produkt der eigenen Geschichte.

Lieblingsmöbel habe ich nicht. Mein Lieblingsstück ist immer das, was ich mir als Nächstes vorstelle. Es gibt nichts Schöneres als Vorfreude. Aktuell gilt sie einem kleinen Bild, das ich mit meiner Frau in einer Galerie in Graz entdeckt habe. Wir genießen die Vorfreude und werden da bald zuschlagen.

Ansonsten habe ich keine Wünsche offen. Ich mag Graz, ich mag mein Leben, und unsere Bedürfnisse sind mit dieser Wohnung gut abgedeckt. Ich brauche kein tolles Haus am Meer. Schöne Situationen muss man nicht notwendigerweise besitzen. Man kann sie auch als Gast, als Reisender genießen. Ich denke, das vergessen wir allzu oft." (24.10.2016)

Markus Pernthaler, geboren 1958 in Judenburg, studierte Architektur in Graz und Tokio. Seit 1990 leitet er ein Grazer Architekturbüro. Von 1987 bis 1990 war er Vorstand des HDA Haus der Architektur Graz, von 1996 bis 1999 Präsident der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs, Landesverband Steiermark. Das Wohn- und Bürohaus Rondo stellte er 2007 fertig. Aktuell baut er u. a. den Grazer Science-Tower, der Anfang 2017 fertig wird.

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Markus Pernthaler

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