Potsdam erzählt mehr als 100 Jahre Filmgeschichte

23. Oktober 2016, 14:00
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Weil die Potsdamer Architektur besonders bunt zusammengewürfelt ist, spielte sie auch schon Amsterdam, Konstantinopel oder Russland

Oberprimaner Johann Pfeiffer mit drei "F" hat Professor Crey den Wecker verstellt. Dieser bemerkt es erst, als er einen Blick auf die nahe Turmuhr wirft. Das war 1943, als Heinz Rühmann in dem Film "Die Feuerzangenbowle" den Schüler Pfeiffer mimte und sein Lehrer auf den Turm des einstigen Babelsberger Rathauses blickte. Der überwiegende Teil des Streifens entstand in den Postdamer Filmstudios.

Wer 2016 im Tourbus von "Zeitreisen" aus dem Fenster schaut, sieht, dass sich die Zeiger der Uhr noch immer drehen, heute ist das Gebäude Kulturhaus. Schon 1912 lernten die Bilder in Potsdam laufen. In mehr als 100 Jahren entstanden mehr als 3.000 Filme südwestlich von Berlin gelegenen Stadt. Im Filmmuseum in Potsdams historischer Mitte kann man die Entwicklung des Mediums in sieben Themenräumen von der Idee bis zur Uraufführung nachvollziehen – unterteilt in die Produktionen der drei großen Filmgesellschaften Ufa, Defa, Studio Babelsberg. Das Revolutionärste, das dem Film Ende der 1920er-Jahre passierte, war der Ton. In Melodie des Herzens sprach Willy Fritsch den ersten Satz: "Ich spare nämlich auf ein Pferd."

2011 gründeten Arne Krasting und Marcel Piethe während des Geschichtsstudiums "Zeitreisen". Zunächst boten sie historische Stadtrundgänge an, dann entwickelten sie ihr Konzept, während einer Rundfahrt zu Drehorten kurze Originalfilmausschnitte auf Monitoren im Bus zu zeigen. "So haben Besucher den direkten Vergleich, wie es dort früher aussah", sagt Krasting. Eine Tour dauert rund zweieinhalb Stunden, an markanten Plätzen wie dem Alten Markt wird haltgemacht.

Filmreifer Marktplatz

Der Potsdamer Markt ist eingerahmt von der klassizistischen Nikolaikirche, dem Brandenburgischen Landtag, der äußerlich eine Rekonstruktion des ehemaligen Stadtschlosses ist, und der Fachhochschule. Sie wurde zu DDR-Zeiten errichtet und wartet seit Jahren auf Sanierung oder Abrissbirne. Alle drei Gebäude sind in einem Ausschnitt von Dennis Gansels Film "Die Welle" aus dem Jahr 2008 zu sehen. Die Nikolaikirche war damals von einem Renovierungsgerüst umgeben, auf dem sich waghalsige Szenen abspielten, um das Wellen-Logo anzubringen. Auf dem Monitor im Bus wird eine historische Karte eingeblendet, die zeigt, welche Bauwerke nach dem Zweiten Weltkrieg noch standen. Nicht viele: die Nikolaikirche und der barocke Marstall, der seit 1981 das Filmmuseum beherbergt.

Da Potsdam mit sehr unterschiedlicher Architektur aufwarten kann, ist es gut als internationale Filmkulisse einsetzbar. So finden sich in Klein-Glienicke Häuser, die an die Schweiz erinnern, und im Norden der Stadt gibt es die russische Siedlung Alexandrowka. Die Orangerie von Schloss Sanssouci repräsentierte in der Verfilmung von In 80 Tagen um die Welt aus dem Jahr 2004 das alte Konstantinopel.

Der Bus rollt an der Rückseite des Schlosses vorbei. Auf dem Display schreitet Otto Gebühr als Friedrich der Große am Anwesen entlang, sein riesiger Schatten huscht über die Wand. Der Monumentarfilm "Der große König" wurde 1940 von Joseph Goebbels in Auftrag gegeben und ebenfalls hier gedreht.

Radrundfahrt zur Kinogeschichte

Mitten im Potsdamer Zentrum gibt es auch ein holländisches Viertel. Drehort für den Kinderfilm "Hexe Lilli" oder die fünfte Staffel der US-Fernsehserie "Homeland", die überwiegend in Berlin spielt – und für die paar Szenen Amsterdam standen die typischen roten Giebelhäuser praktisch vor der Haustür. Autos bekamen gelbe Nummernschilder, Straßenschilder holländische Beschriftungen. "Friedrich Wilhelm I. hatte eine Vorliebe für das Nachbarland", erklärt Krasting. "Ab 1733 ließ er das sumpfige Gebiet von einem niederländischen Architekten entwässern und 134 Ziegelhäuser erbauen."

Um alte und aktuelle Filmschauplätze in Potsdam zu erkunden, kann man genauso gut geführte Rundgänge buchen oder mit dem Fahrrad erkunden. Guide Robert Freimark etwa beginnt eine Radrundfahrt im Theaterquartier Schiffbauergasse am Tiefen See. Am gegenüberliegenden Ufer erkennt man den hellgelben Sand des Strandbads Babelsberg. Das Bad war Anfang der 1970er-Jahre Kulisse für den DDR-Kultfilm "Die Legende von Paul und Paula" mit Angelica Domröse als alleinstehender Mutter und Winfried Glatzeder als unglücklichem Ehemann. "Nachdem die beiden Hauptdarsteller Anfang der 1980er-Jahre in den Westen ausgereist waren, wurde der Film im Osten nicht mehr gezeigt", erzählt Freimark.

Zwischen West und Ost

Ein besonders häufig gefilmter, neuralgischer Punkt in Potsdam ist die Glienicker Brücke. Sie verbindet das einstige Westberlin mit Potsdam und diente während des Kalten Krieges mehrere Male zum Austausch von politischen Gefangenen zwischen westlichen Staaten und dem Ostblock. Die erste dieser Austauschaktionen im Jahr 1962 bildet die Grundlage für den 2014 von Steven Spielberg gedrehten Film "Bridge of Spies – Der Unterhändler".

Robert Freimark zieht ein Foto aus der Umhängetasche. Es zeigt Angela Merkel zwischen Regisseur Steven Spielberg und Hauptdarsteller Tom Hanks. Bei dieser Thematik ließ es sich die deutsche Bundeskanzlerin nicht nehmen, kurz auf dem Set zu erscheinen. (Dagmar Krappe, 23.10.2016)

Anreise & Info

Anreise: Flug Wien-Berlin z. B. mit Austrian oder Lufthansa; Regionalzug oder S-Bahn nach Potsdam.

Unterkunft: z. B. Hotel NH Potsdam in der Altstadt, DZ ab 34 € p. P. oder Hotel am Großen Waisenhaus, familiengeführtes Hotel in einem Barockgebäude, DZ ab 45 € p. P.

Filmtouren: z. B. Fahrradtour "Vom Blauen Engel zur Bridge of Spies", Dauer ca. 3,5 Stunden, 5 € p. P. zuzüglich Fahrradmiete; auch Bustouren und Rundgänge, Info unter: www.videosightseeing.de

Filmmuseum Potsdam: www.filmmuseum-potsdam.de

Info: www.potsdamtourismus.de

Die Reise erfolgte teilweise auf Einladung der Potsdam Marketing und Service GmbH

  • Die ab 1851 errichtete Orangerie von Schloss Sanssouci in Potsdam mimte in einer Filmproduktion bereits typisch osmanische Architektur aus dem alten Konstantinopel.
    foto: getty images / nellmac

    Die ab 1851 errichtete Orangerie von Schloss Sanssouci in Potsdam mimte in einer Filmproduktion bereits typisch osmanische Architektur aus dem alten Konstantinopel.

  • Die Glienicker Brücke spielt im Spielberg-Film "Bridge of Spies – Der Unterhändler" eine Hauptrolle.
    foto: apa/epa/ralf hirschberger

    Die Glienicker Brücke spielt im Spielberg-Film "Bridge of Spies – Der Unterhändler" eine Hauptrolle.

  • Ein Filmszenenmodell im Filmmuseum in Potsdam
    foto: dpa/bernd settnik

    Ein Filmszenenmodell im Filmmuseum in Potsdam

  • Friedrich der Große
    foto: reuters/thomas peter

    Friedrich der Große

  • Die Filmstudios Babelsberg
    foto: apa/epa/ralf hirschberger

    Die Filmstudios Babelsberg

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