"Phishing for Fools": Wie uns die Wirtschaft für dumm verkauft

24. Oktober 2016, 10:38
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Freie Märkte würden stets die besten Ergebnisse hervorbringen – von wegen, behaupten ein Wirtschaftsnobelpreisträger und ein US-Ökonom

Geradezu mantraartig preisen besonders Wirtschaftsexperten neoliberaler Prägung die Segnungen freier Märkte. Mit deren Folgerung, diese würden zum optimalen Gleichgewicht für alle Wirtschaftstreibenden führen, räumen zwei US-Ökonomen in dem Buch "Phishing for Fools" nun auf. Yale-Professor und Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller sowie George Akerlof von der Georgetown University erweitern das Konzept um Psychologie und ungleiche Informationsverteilung – und erzielen konträre Ergebnisse.

Bewusst setzen die Autoren den Neologismus Phishing (Fishing, englisch für Angeln) ein, der für Versuche steht, Zugang zu persönlichen Daten von Nutzern zu erschleichen und zu deren Schaden zu nutzen. Umgelegt auf die Wirtschaft, folgern die Autoren, dass Möglichkeiten, andere im legalen Rahmen zu übervorteilen, stets genutzt werden. Shiller und Akerlof nennen dies "Phishing-Gleichgewicht" und belegen ihre Theorie mit unzähligen Beispielen. Nach dem Motto: Was Gewinne erhöht, wird früher oder später umgesetzt.

Zunächst führt dieser Streifzug durch den Alltag in den Einzelhandel. Neben Platzierungsmustern, die zu teuren Impulskäufen verleiten, spielen vor allem in den USA Kreditkarten eine zentrale Rolle: Sie verleiten Menschen dazu, deutlich mehr auszugeben als bei Barzahlung – und oft auch mehr, als sie sich leisten können. Daher übernehmen Händler auch die Kartengebühren, wohl wissend, dass am Ende des Tages dadurch mehr in ihrer Kassa bleibt.

Autos, Drucker und die Fitness

Beim Autokauf zahlen Farbige statistisch mehr als Weiße, da es bei ihnen öfter das erste Fahrzeug ist und sie deshalb schwerer Preise vergleichen können. Drucker werden auffallend günstig feilgeboten, später wird Käufern mit Druckpatronen das Weiße aus den Augen geholt. Erstbesucher von Fitnessstudios sind übermotiviert, weshalb ihnen teure Mitgliedschaften angedreht werden, obwohl sie bei Einzelbezahlung billiger davonkommen würden.

Die Autoren spannen den Bogen von harmlosen zu bedenklichen Beispielen – wenn Pharmariesen unter Ausnutzung der Zulassungskriterien fragwürdige Präparate auf den Markt bringen oder der Handel mit faulen Hypothekenpapieren Finanzmarktkrisen heraufbeschwört. Und auch in der Politik wird systematisch nach Wählerstimmen "gephisht".

Die Autoren leugnen nicht die Vorteile freier Märkte, betrachten aber auch die Schattenseiten. Und beim Leser sprießt die Erkenntnis, selbst schon mehrmals "gephisht" worden zu sein – samt dem Vorsatz, dem künftig bewusster gegenzusteuern. (Alexander Hahn, 20.10.2016)

George Akerlof / Robert Shiller, "Phishing for Fools. Manipulation und Täuschung in der Marktwirtschaft". € 24,70 / 416 Seiten. Econ, Berlin 2016
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