Wahlen: Verlieren lassen, um zu siegen

Kommentar der anderen20. Oktober 2016, 17:42
3 Postings

Hillary Clinton und Alexander Van der Bellen müssen nicht unbedingt siegen, um die Wahlen zu gewinnen. Es genügt auch, wenn sie ihren Gegnern beim Verlieren helfen. Anmerkungen zu Wind und Wählergunst

Was haben der US-Wahlkampf und die stotternde Wahl des österreichischen Bundespräsidenten gemeinsam? Eine nicht auf den ersten Blick sichtbare, aber umso interessantere Parallele zweier Kandidaten: Weder Hillary Clinton noch Alexander Van der Bellen hatten von vornherein Chancen auf eine ausreichende Mehrheit.

Weithin unbeliebt

Clinton ist weithin unbeliebt. Die enorme Zustimmung, die Bernie Sanders als Gegenkandidat bis zur Nominierung erfahren hat, ist – abgesehen von der unterschiedlichen Wertehaltung – zu einem nicht geringen Teil daraus erklärbar. Ihr Vorsprung zur Nominierung war denkbar knapp. Ein einigermaßen respektabler Kandidat der Republikaner hätte Clintons Chancen auf die Präsidentschaft wohl aufs Überschaubarste reduziert.

Alexander Van der Bellen wäre mit Sicherheit nicht in den Endspurt um das erste Amt im Staat gelangt, hätten sich SPÖ und ÖVP auf eine ihrer Situation und Position gerecht werdende Strategie verstanden und einen gemeinsame Kandidaten oder eine gemeinsame Kandidatin nominiert. Sie haben es nicht und prompt das große Verlieren bewirkt: für die beiden Parteikandidaten und die sie nominierenden Parteien. Die Österreicher hatten plötzlich eine echte Wahl, ja Auswahl zwischen mehreren Kandidaten, auch einer Kandidatin. Die daraus resultierende Fragmentierung bewirkte eine eigene Dynamik, deren Momentum sich schließlich in der größtmöglichen Polarisierung äußerte: Van der Bellen versus Hofer.

Das kleinere Übel

Van der Bellen hat die Stichwahl nur knapp gewonnen, nicht gegen, sondern eher mithilfe seines Gegenparts Norbert Hofer. Van der Bellens eigenes Wählerpotenzial liegt realistisch geschätzt deutlich unter 20 Prozent. Noch nie hatten so viele Wähler vor und nach der (Stich-)Wahl Erklärungsbedarf: Man hätte als Bürgerliche, als Freiberufler, als Industrieller, als Akademiker, als Konservative, als Liberaler, als ÖVP-, Neos-, Griss-Wählerin nie den "linken", den "grünen" Van der Bellen gewählt, wäre ein anderer wählbarer Kandidat als Alternative verfügbar gewesen. Aber den FPÖ-Hofer, einen aus diesem kompromittierten Eck, der sich auch noch als stolzer Parteikandidat, als EU-Gegner geriert, das geht nun wirklich nicht – zumindest für die hauchdünne, wenn bislang auch ausreichende Mehrheit im Lande.

Einmal mehr hat sich bewahrheitet, was der Schriftsteller Hans Weigl seinerzeit sinngemäß über das Wahlverhalten der Österreicher geschrieben hat: Der Österreicher wähle nicht für, sondern meist gegen etwas. Er wähle im Zorn und im Zweifel das für ihn kleinere Übel. Da liegt wahrscheinlich auch für mehr als die Hälfte der Van-der-Bellen-Wähler das Motiv ihres Abstimmungsverhaltens. Hofer und die FPÖ haben nach Kräften das ihre dazu getan. Nicht anders ist es bei Hillary Clinton, die ohne den unsäglichen Gegner Donald Trump mit bei weitem schlechteren Chancen in die US-Wahl ginge.

Stellt sich angesichts dieser politischen Wahlwetterlage die Frage: Müssen Clinton und Van der Bellen überhaupt gewinnen? Die Antwort ist: Nein. Es genügt doch, Trump respektive Hofer verlieren zu lassen. Und es gibt sogar eine längst erprobte Strategie, wie man solches zustande bringt. Schauplatz waren die Olympischen Spiele 2000, Protagonisten zwei Segel-Champions in der kleinen Laser-Klasse.

Den Wind kontrollieren ...

Der Brasilianer Robert Scheidt, war Weltbester und Favorit, zweitbester war der Engländer Ben Ainslie. Gewertet wurden die Kandidaten nach einem Punktesystem, und zwar jeweils nur nach ihren besten neun von insgesamt elf Durchgängen. Beim letzten hätte Scheidt unter den ersten 20 von 45 Booten sein müssen, um Gold zu gewinnen – easy. Ainslie hingegen hätte Scheidt um zehn Plätze schlagen müssen, um das zu erreichen.

Ainslie wusste, dass er das nicht schaffen würde. Also versuchte er erst gar nicht, zu gewinnen. Er beschloss sich darauf zu konzentrieren, den Weltbesten, Robert Scheidt, verlieren zu lassen.

... den Gegner kontrollieren

Beim Segeln kontrolliert der, der den Wind kontrolliert auch den Gegner. Genau das tat Ainslie während des ganzen letzten Durchgangs. Er konzentrierte sich darauf, immer zwischen Scheidt und dem Wind zu liegen. Scheidt konnte nicht und nicht an ihm vorbei. Alle anderen Boote waren schneller. Ainslie konnte sich das leisten, den es zählten ja nur seine 9 besten Durchgänge. Am Ende war Robert Scheidt langsamer als alle anderen und gewann Silber. Ben Ainslie hingegen gewann in der Gesamtwertung Gold. Einfach dadurch, dass er den Weltbesten dazu gebracht hat, zu verlieren.

Hillary Clinton kann aufgrund ihrer Unbeliebtheit nicht darauf setzen, zu gewinnen. Aber sehr wohl darauf, den Weltbesten im "Ungustln", Donald Trump, beim Verlieren zu helfen. Und genau das tut sie. Diese Taktik wäre auch Alexander Van der Bellen anzuraten – wenn er dem folgt, was auf den letzten, wieder von den Wänden gekratzten Plakaten schon so sichtbar war: auszusehen wie die Selbstverständlichkeit eines österreichischen Bundespräsidenten.

Sollte Hofer gemäß seiner FPÖ-DNA dabei bleiben, uns wundern zu machen, was alles noch möglich sei, braucht Van der Bellen nur gelassen und präzise klarmachen, wer oder was das fürs Land größere Übel ist. Dem Beispiel Ainslies entsprechend müsste sich Alexander Van der Bellen nicht aufs Gewinnen konzentrieren, sondern darauf, sich zwischen den Wind der Wählergunst und Norbert Hofer zu stellen.

Bleibt herauszufinden, von wo in Österreich in den nächsten Wochen der Wind bläst.(Mariusz Jan Demner, 20.10.2016)

Mariusz Jan Demner (Jahrgang 1945) ist geschäftsführender Gesellschafter der Wiener Werbeagentur Demner, Merlicek & Bergmann (DMB). Seit vielen Jahren arbeiten er und seine Agentur auch für öffentliche Anliegen, Ministerien, Bundesregierungen, Gemeinden und Medien. Zuletzt betreute DMB die Aktion "Österreich hilfsbereit".

Share if you care.