Russland und Syrien verlängern Feuerpause für Aleppo

20. Oktober 2016, 19:04
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Nothilfekoordinator will am Freitag Verwundete evakuieren – Merkel drängt Moskau zu dauerhafter Waffenruhe

Damaskus/Brüssel – Russland und Syrien haben nach UN-Angaben einer Verlängerung der einseitigen Feuerpause für Aleppo zur Versorgung Notleidender bis Samstag zugestimmt. Die Waffenruhe solle für jeweils elf Stunden am Tag gelten und genutzt werden, um Verwundete zu versorgen, erklärte UN-Nothilfekoordinator Jan Egeland am Donnerstag in Genf. EU-Staaten drängten Russland inzwischen zu einer dauerhaften Waffenruhe.

Die von Russland und Syrien einseitig ausgerufene Waffenruhe hatte Donnerstagfrüh begonnen. Sie sollte zunächst elf Stunden dauern. Das russische Verteidigungsministerium meldete am Donnerstagnachmittag eine Verlängerung der Feuerpause für weitere 24 Stunden. Der Schritt sei von Präsident Wladimir Putin angeordnet und werde von der syrischen Regierung unterstützt, meldete die Nachrichtenagentur RIA.

UNO hofft auf Verlängerung

Die UNO hofft auf eine weitere Verlängerung bis mindestens Montag. Egeland kündigte in Genf an, UNO-Helfer würden am Freitag versuchen, erstmals Verwundete aus dem belagerten Osten von Aleppo abzuholen und außerhalb medizinisch zu versorgen. Sicherheitsgarantien dafür seien inzwischen von Syrien und Russland sowie von den Aufständischen zugesagt worden.

Trotz der Feuerpause gab es am Donnerstag weiter Gefechte zwischen Regimekräften und Rebellen in Aleppo. Beide Seiten hätten sich in der Nähe eines Korridors beschossen, über den Oppositionskämpfer den von Regimegegnern kontrollierten Osten Aleppos verlassen können, meldete die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Donnerstag. Dabei seien mindestens drei Menschen verletzt worden. In anderen Gebieten der Stadt sei indes Ruhe eingekehrt.

Türkei bombardiert Kurden

Die türkische Luftwaffe hat nach eigenen Angaben bis zu 200 kurdische Kämpfer im Norden Syriens getötet. Wie die amtliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu am Donnerstag unter Berufung auf das Militär meldete, waren Stellungen der Volksverteidigungseinheiten (YPG) nördlich der Großstadt Aleppo das Ziel der Angriffe.

Vertreter der syrischen Kurden und die Kurdische Gemeinde in Deutschland verurteilten die Bombardements.

Nach Armeeangaben griffen die türkischen Kampfjets 18 Stellungen der YPG an. Dabei seien 160 bis 200 Kämpfer der Miliz getötet worden. Von unabhängiger Seite konnten die Angaben zunächst nicht bestätigt werden.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärte ihrerseits, bei den Luftangriffen seien elf Kämpfer der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), eines Zusammenschlusses aus kurdischen und arabischen Kämpfern, getötet worden. YPG-Kämpfer stellen einen Großteil der SDF.

Die YPG ist der bewaffnete Arm der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD). Die türkische Regierung betrachtet beide Gruppen wegen ihrer Verbindungen zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als "Terrororganisationen".

Die Regierung der halbautonomen Kurdenregion in Nordsyrien verurteilte "die unverhohlene Aggression" der Türkei und rief die internationale Gemeinschaft zum Protest auf. Auch die Kurdische Gemeinde in Deutschland verurteilte die Luftangriffe. Die Türkei versuche ihre "expansionistischen Interessen auf dem Rücken der kurdischen Bevölkerung durchzusetzen", erklärte der Verbandsvorsitzende Ali Toprak. Die "gezielte Schwächung der Anti-IS-Kräfte" untergrabe den Kampf gegen die Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS).

Merkel macht Druck

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel drängte Russland zum Einlenken. "Was in Aleppo mit russischer Unterstützung passiert, ist völlig unmenschlich", sagte sie beim EU-Gipfel am Donnerstag in Brüssel. Es müsste nun schnellstmöglich an einem Waffenstillstand gearbeitet werden. "Nicht nur einen über mehrere Stunden am Tag, dann gibt es wieder viele Stunden Bombardement, sondern einen andauernden Waffenstillstand, damit die Menschen humanitäre Hilfe erhalten können."

Im Entwurf einer gemeinsamen Gipfelerklärung drohen die EU-Staaten der syrischen Führung und damit auch Russland mit Sanktionen, sollten die "Gräueltaten" in Aleppo anhalten. Im Vergleich zu einem Entwurf vom Mittwoch wurde nun ein weiterer Satz mit der Sanktionsdrohung hinzugefügt: "Die EU zieht alle Optionen in Betracht, einschließlich Sanktionen gegen Personen oder Organisationen, die das Regime unterstützen, sollten die Gräueltaten andauern."

Aleppo hatte in den vergangenen Wochen die heftigsten syrischen und russischen Luftangriffe seit Ausbruch des Konflikts im Frühjahr 2011 erlebt. In den belagerten Rebellengebieten im Osten der Stadt leben noch rund 250.000 Menschen. Sie leiden unter einem drastischen Mangel an Nahrungsmitteln, Trinkwasser und medizinischer Versorgung. (APA, dpa, 20.10.2016)

  • Rebellen besteigen am Freitag in Idlib Busse. Die syrische Regierung setzt verstärkt auf Vereinnabrungen mit einzelnen Aufständischengruppen, denen freies Geleit zugesichert wird
    foto: apa/afp/omar haj kadour

    Rebellen besteigen am Freitag in Idlib Busse. Die syrische Regierung setzt verstärkt auf Vereinnabrungen mit einzelnen Aufständischengruppen, denen freies Geleit zugesichert wird

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