Munzinger-Archiv kämpft mit Digitalisierung und Presse-Konzentration

20. Oktober 2016, 13:43
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Wir sind wie das Silberfischchen – wir müssen uns halt anpassen, damit wir noch in Jahrmillionen überleben"

Die Idee kam Ludwig Munzinger im Schlaf. "Eines Nachts, im Februar 1913, wache ich auf und weiß, was ich tun muss", so der Archiv-Gründer in seinen Erinnerungen – nämlich Zeitungen eine Info-Sammlung zu bieten, um "den gesamten Stoff des abgelaufenen Tagesgeschehens, insbesondere aber auch über die Personalien der ins Licht der Öffentlichkeit tretenden Menschen rasch und zuverlässig" nachzulesen.

Mehr als hundert Jahre später hat diese Idee noch immer Bestand – auch wenn sich die Art der Vermittlung drastisch verändert hat. Kann man in Zeiten von Wikipedia überhaupt noch Geld mit Informationen machen? Ja, meint der heutige Unternehmensleiter und Enkel des Gründers, Ernst Munzinger. "Einer unserer Mitarbeiter hat mal gesagt: Wir sind wie das Silberfischchen – wir müssen uns halt anpassen, damit wir noch in Jahrmillionen überleben."

Entwicklung der Nische

Die Firma müsse schauen, wo es Nischen gebe, in denen sie zurecht komme. "Wir versuchen sozusagen die weitere Entwicklung der Nische zu organisieren und Angebote zu machen auf der Basis von Dingen, die wir haben, die aber neue Anforderungen bedienen." Zudem gibt es inzwischen Kooperationen, über die Munzinger beispielsweise Zugänge zu Lexika über Komponisten, die Gegenwartsliteratur oder auch zu Filmkritiken anbieten kann.

Doch das Archiv mit Sitz in Ravensburg kämpft gleich mit zwei Herausforderungen: Zum einen gibt es in Zeiten der Digitalisierung viele Informationen frei verfügbar im Netz – und zwar oftmals kostenlos. Was sagt Munzinger denn einem Kunden, der sich lieber auf die Online-Enzyklopädie Wikipedia verlassen will? "Ich würde sagen, dass es darauf ankommt, welche Informationen man sucht", sagt der 63-Jährige. "Es gibt sehr gute Information dort, gerade im Bereich Naturwissenschaft und Technik. Aber immer da, wo man verschiedener Auffassung sein kann, weil es unterschiedliche Sichtweisen gibt, wie man etwas sehen kann, wird es schon schwieriger."

Das Prinzip der Plattform – jeder darf mitmachen – könne vor allem bei Daten über lebende Personen ein Problem sein. "Die PR-Agentur, die Person selbst, der Gegner – alle können darin rumschreiben. Oftmals kommt dann nur der kleinste gemeinsame Nenner heraus", sagt Munzinger. "Ist es nicht sinnvoller, bei solchen Informationen eine zweite Quelle zur Verfügung zu haben? Sonst haben wir irgendwann nur noch eine Monokultur, die zwar von vielen gespeist wird, aber es gibt am Ende nur noch eine Information, die man nutzen kann."

"Das ist ein sehr zäher und schwieriger Prozess"

Doch ist das Bewusstsein über einen solchen Mehrwert von geprüfter Information überhaupt bei den Nutzern vorhanden? "Das ist ein sehr zäher und schwieriger Prozess", sagt die Geschäftsführerin des Landesverbands Baden-Württemberg im Deutschen Bibliotheksverband, Monika Ziller. "Wir vermitteln die Nutzung des Munzinger-Archivs kontinuierlich bei unseren Schulklassenangeboten. Aber für junge Leute ist es schwer zu begreifen, wo der Unterschied zwischen Wikipedia und solchen geprüften Informationen liegt."

Ziel müsse es sein, das Archiv auch technisch leichter an den Suchenden im Netz zu bringen, sagt Ziller, die auch Leiterin der Stadtbibliothek Heilbronn ist: "Wenn jemand aus Heilbronn beispielsweise biografische Infos braucht, müsste bei der Suchmaschine direkt der Link unserer Bibliothek auftauchen – mit Verweis über uns auf das Munzinger-Archiv. Dafür fehlen aber noch die Voraussetzungen."

Die zweite Herausforderung für das Munzinger-Archiv, das Medien, Bibliotheken, Firmen und Institutionen beliefert, ist die Konzentration im Pressebereich. "Anfang der 30er Jahre gab es irgendetwas zwischen 3.000 und 4.000 Zeitungen in Deutschland", sagt der Geschäftsführer. "Heute hat man noch eine Größenordnung von 100 unabhängigen Redaktionen. Dadurch ist auch die Zahl unserer Kunden zurückgegangen."

Wie sich die Situation auf die wirtschaftliche Lage des Unternehmens auswirkt, will Munzinger nicht so recht preisgeben – auch beim Umsatz bleibt er wenig konkret. "Ich sage mal so: Die Entwicklung läuft bei uns ein bisschen parallel zur Medienentwicklung." 2001 habe es einen Knick gegeben, unter anderem auch durch das Aufkommen der Digitalisierung. Inzwischen sei man wieder auf einem positiven Weg. "Aber es ist nicht so, dass wir große Sprünge machen können." (APA, 20.10. 2016)

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