US-Wahlkampf lässt Bots und Antisemitismus blühen

23. Oktober 2016, 09:28
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Viele judenfeindliche Nachrichten aus Lager der Trump-Sympathisanten, Republikaner offenbar stärker von Bots unterstützt

Der Wahlkampf um die US-Präsidentschaft, der 2015 angelaufen ist, stellt eine Zäsur in der amerikanischen Politgeschichte dar. Viele Bürger und Beobachter beklagen einen Verfall des Diskurses und das weitere Aufbrechen gesellschaftlicher Gräben.

Und in der Tat lässt sich das zunehmen extremer Phänomene beobachten. So feiert etwa in sozialen Medien der Antisemitismus eine Renaissance, berichtet die New York Times.

"In die Gaskammer mit euch"

Als plakatives Beispiel wird etwa Bethany Mandel angeführt. Als Folge von ein paar kritischen Twitter-Kommentaren, die auf judenfeindliche Trump-Unterstützer hinwiesen, erhielt die freie Autorin zahlreiche Beleidigungen und Drohungen. Ein Nutzer schickte ihr 19 Stunden in Folge entsprechende Botschaften. Ein anderer teilte ihr mit, sie verdiene "den Ofen".

Ein New York Times-Reporter wiederum hatte schon Auschwitz-Bilder in seinem Posteingang gefunden. Ben Shapiro, einst Schreiber für das rechte Breitbart-Blog, erhielt nach der Bekanntgabe der Geburt seines zweiten Kindes auf Twitter die Nachricht "in die Gaskammer mit allen Vier von euch".

Viele antisemitische Tweets von Trump-Fans

Laut einem Bericht der Anti-Defamation League (ADL) ist Mandel eine von über 800 Journalisten, die auf Twitter Ziel solcher Attacken werden. Zwischen August 2015 und Juli 2016 zählte die ADL 2,6 Millionen antisemitischer Attacken auf der Plattform, über 19.000 richteten sich an Redakteure, wobei zehn von diesen 83 Prozent aller Hassnachrichten auf sich vereinten.

Ausgegangen waren die Nachrichten von 1.600 Twitterkonten, von denen viele anonym betrieben werden. In ihren Beschreibungen finden sich häufig Begriffe wie "Nationalist", "konservativ", "weiß" oder "Trump". Die ADL hält fest, dass Trumps Wahlkampagne Antisemitismus zwar nicht begrüßen oder aktiv unterstützen würde, aber viele der judenfeindlichen Nachrichten von Fans des umstrittenen Geschäftsmannes verschickt worden waren.

Einige der betroffenen Journalisten sehen Trumps Angriffe auf Minderheiten und die Verwendung bestimmter Codewörter und Feindbilder jedoch als Antrieb dafür, dass viele Nutzer sich nun trauen, ihren Hass offen zur Schau zu tragen.

Bedrohungslage

John Podhoretz vom Commentary-Magazin findet dafür folgende Analogie: "Die (Trump-)Kampagne hat einen Stein umgedreht und vieles kriecht nun darunter hervor." Jonathan Greenblat, Chef der ADL, sieht neben dem aufkeimenden Antisemitismus auch eine Bedrohung der freien Meinungsäußerung und Presse. Die Organisation kritisiert auch Twitter dafür, zu lax bei der Sperre oder Entfernung von Konten zu sein, die koordiniert Hassbotschaften verbreiten.

Eine Sprecherin der Trump-Kampagne erklärte, "keine Kenntnisse über diese Aktivitäten" zu besitzen. Man verurteile aber antisemitische Kommentare scharf. Man distanziere sich von Hassrede, egal ob im Netz oder anderswo.

foto: twitter/donald trump
Dieses von Trump geteilte Bild hatte für Antisemitismus-Vorwürfe gesorgt.

Versteckte Botschaften

Explizite antisemitische Botschaften hat der republikanische Kandidat tatsächlich bislang nicht geäußert. Jedoch hat er bereits Botschaften verbreitet, die sich gängiger Codes bedienen. So teilte er etwa vor einiger Zeit ein Bild, das Clinton vor einem Geldberg und der in einen Stern mit sechs Spitzen (Davidsstern) verpackten Aufschrift "Korrupteste Kandidatin aller Zeiten" zeigt.

Nach heftiger Kritik löschte er die Twitter-Nachricht, bereute dies aber im Nachhinein wieder. Schließlich teilte er eine bearbeitete Version, in welcher der Stern mit einem Kreis ersetzt war, dokumentiert Watson. Und erst kürzlich erklärte er in einem Wahlkampfauftritt, Clinton würde eine "globale Machtstruktur" in einer Verschwörung gegen Arbeiter anführen.

Bislang gelang es den Antisemiten in den sozialen Netzwerken allerdings nicht, jüdische Journalisten einzuschüchtern. "Es scheint, dass du etwas richtig machst, wenn dich die Twitter-Nazis hassen", meint dazu etwa The Atlantic-Chefredakteur Jeffrey Goldberg. "Erst wenn sie doch mögen – und ich denke da an einen bestimmten Präsidentschaftskandidaten – könnte es sein, dass du ein Problem hast."

Viele Twitter-Bots mischen mit

Der Independent berichtet derweil über den Einfluss von automatisierten Twitter-Konten (Bots) im Laufe des Wahlkampfes. Diese scheinen laut einer Untersuchung von der University of Oxford unter anderem dazu eingesetzt zu werden, die Wahrnehmung des Ausgangs der TV-Duelle zu verzerren. Während diverse Umfragen etwa zeigen, dass Trump in den ersten beiden Debatten mit Clinton unterlegen war, erklärte er sich selbst danach zum Sieger.

Untersucht wurden Twitter-Botschaften am Tag der ersten TV-Debatte am 26. September und den drei Tagen danach. Dabei analysierte man 1,8 Millionen Nachrichten, die Unterstützung für Trump signalisierten und 613.000 Tweets, die sich für Clinton aussprachen.

Mehr automatisierte Pro-Trump-Konten

Als Bots wurden jene Konten klassifiziert, die in diesen vier Tagen 200 oder mehr Nachrichten verschickten. Laut Forschungsleiter Philip Howard liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei Konten mit einem so hohen Aufkommen um Bots handelt, bei 80 Prozent, die Methode habe man nach der Analyse der Wahlen in Venezuela und der Brexit-Abstimmung gewählt. Viele dieser User verschickten ihre Tweets in der Nacht, teilten sehr ähnliche Informationen und zeigten auch anderes Verhalten, das "nicht menschlich" sei.

Die Messung ergab, dass Trump offenbar deutlich stärkere Unterstützung durch Bots erhält. Von den erfassten Nachrichten stammten demnach 32,7 Prozent von automatisierten Konten. Bei Clinton waren es 22,3 Prozent. Wie effizient die Meinungsmanipulation auf diesem Wege tatsächlich ist, bleibt umstritten. Klar ist aber, dass das Aufkommen von Bots in Online-Wahlkämpfen immer stärker zunimmt. (gpi, 23.10.2016)

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