Kulturnation von Volkes Gnaden: ÖNB versucht Crowdfunding

20. Oktober 2016, 11:29
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Nicht nur diese altehrwürdige Institution setzt auf das neue Sponsoringmodell

Wien – Denkt man an Crowdfunding, denkt man meist zuerst an Start-Ups. An neue Medien, Apps, Internetmillionäre. Aber auch der Kulturbereich bemüht sich zusehends darum, das "Schwarmgeld" anzulocken. Nicht mehr nur kleinere Labels und Produktionsfirmen in den Sparten Musik und Film sammeln mittlerweile, sondern in Zeiten knapper Budgets erweitern auch die (subventionierten) Flaggschiffe der Kulturnation Österreich ihre bisherigen Sponsoring- und Spendenmodelle.

Mit verschiedenem Erfolg sind aus dem vergangenen Jahr u. a. zwei Beispiele überliefert: Das Naturhistorische Museum ist mit seinem Versuch, 110.000 Euro für den Ankauf eines 400 Gramm schweren Mondmeteoriten einzusammeln, gescheitert. Vielleicht war die Summe zu ambitioniert, lediglich 17.162 Euro, also rund 15 Prozent, kamen an Geldgeschenken zusammen. Geklappt hat es hingegen beim Wien Museum, das für ein begleitendes Buchprojekt zur Wiedereröffnung der Virgilkapelle unter dem Stephansplatz 18.000 Euro benötigte. Über 24.000 kamen herein.

Ganz oder gar nicht

Jetzt stellt die Österreichische Nationalbibliothek ihren ersten Vorstoß ins Gebiet des Alles-oder-nichts-Spendensammelns vor: die Erbhuldigung Maria Theresias soll restauriert werden. 1740 haben die Niederösterreichischen Stände ihr damit anlässlich deren Übernahme der Regierungsgeschäfte von ihrem Vater Karl VI. ihre Loyalität bezeugt. Elf Illustrationen von Erbhuldigungsstationen wie Zug, Hochamt und Festtafel finden sich in dem Buch. Was weiters darüber zu sagen ist? Seiden- und Goldfäden sind gerissen, der Samt hat seinen Flor verloren, der Buchrücken ist gebrochen, die Bindung defekt.

Dieser Tage war es zwecks Präsentation des Unternehmens im Institut für Restaurierung der ÖNB auf Kurzbesuch. Zum Fototermin sozusagen. Ein längerer Aufenthalt soll daraus nur dann werden, wenn sich genügend Spender für die angepeilten Kosten von 15.500 Euro finden. Das klingt nicht nach viel, insbesondere als sie einer der wertvollsten Bibliotheken der Welt vorsteht, doch macht Generaldirektorim Johanna Rachinger die Restaurierung "schon vom Erfolg der Aktion abhängig". Sollte man den Betrag nicht erreichen, wandert der beim Aufschlagen knarzende Patient wieder ins Depot.

Seiten und Webseiten

Absolute Priorität hat die Behandlung also nicht. Doch bisherige Schritte des Traditionshauses auf das digitale Zeitalter zu haben gut geklappt: Auf Facebook freut man sich über fast 14.500 Fans, zudem läuft die Digitalisierung der Bestände etwa in Kooperation mit Google seit einiger Zeit. 2017 soll ein Crowdsourcing-Projekt starten, das Private dazu einlädt, bei der Auswertung der Bestände etwa aus dem Fotoarchiv mitzuhelfen, sprich abgebildete Personen, Bauten, Landschaften zu identifizieren. Schwarmintelligenz statt Schwarmgeld.

Anlass für die Aktion ist das Vorhaben, das Netz nun auch in finanzieller Hinsicht zu erschließen. Die Erbhuldigung habe sich als "das richtige Objekt dafür" angeboten, so Rachinger – der Preis der Restaurierung sei "überschaubar" und mit der Ausstellung kommendes Jahr zum 300. Geburtsjubiläum von Landesfürstin Maria Theresia, so der eigentliche Titel der Kaiserin, des weiteren ein konkreter, PR-tauglicher Anlass gegeben. Zusammen mit der Restaurierung soll auch eine Digitalisierung des Objektes erfolgen – zur Schonung des Bestands und zur Demkoratisierung von dessen Nutzung dank Online-Abrufbarkeit.

Tue Gutes, kriege Goodies

Gewinnausschüttung für die Gönner allerdings gibt es im Kulturbereich im Gegensatz zu Crowd-Investments in der Wirtschaft meist keine – man produziert ja nicht mit Rendite vermarktbare Produkte im engeren Sinn. Die im August 2015 mit dem Alternativfinanzierungsgesetz (AltFG) geschaffen rechtlichen Rahmenbedingungen interessieren sich daher v. a. für gewinnorientierte Projekte. In der Kultur ist der Benefit oft eher ideeller Natur: Als der Zeichner Walter Fröhlich vergangenes Jahr online 5000 Euro für Produktion der Graphic Novel "Bue Jeans" zu Texten Hermes Phettbergs über sich selbst erbat, winkte Spendern als Belohnung die Option auf den Erwerb des Druckwerks. Der Aufruf brachte das Doppelte ein.

Die ÖNB verspricht Goodies vom Lesezeichen (10 Euro) bis zum Champagnerempfang (4000 Euro). Sollte bis 22. November zu viel Geld hereinkommen, will Rachinger dieses für die Bearbeitung auch anderer Objekte verwenden. Online zu finden ist der Spendenwunsch unter www.wemakeit.com, bei 65 Prozent liegt die Erfolgsquote der Plattform. Die Jubiläumsschau Maria Theresia. Habsburgs mächtigste Frau startet kommenden Februar. Ob mit oder ohne Erbhuldigung, wird sich weisen. (Michael Wurmitzer, 20.10.2016)

  • Die Schäden an der Erbhuldigung: Seiden- und Goldfäden sind gerissen, der Samt hat seinen Flor verloren, der Buchrücken ist gebrochen, die Bindung defekt.
    foto: michael wurmitzer

    Die Schäden an der Erbhuldigung: Seiden- und Goldfäden sind gerissen, der Samt hat seinen Flor verloren, der Buchrücken ist gebrochen, die Bindung defekt.

  • Es knarzt beim Blättern.
    foto: michael wurmitzer

    Es knarzt beim Blättern.

  • Elf Illustrationen von Erbhuldigungsstationen wie Zug, Hochamt und Festtafel finden sich in dem Buch.
    foto: michael wurmitzer

    Elf Illustrationen von Erbhuldigungsstationen wie Zug, Hochamt und Festtafel finden sich in dem Buch.

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