"Identitärer" auf Podium: Gäste sagen "Talk im Hangar-7"-Teilnahme ab

20. Oktober 2016, 22:30
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Drei von fünf Teilnehmern der Servus-TV-Diskussion ziehen ihre Zusage zurück, weil "Identitären"-Chef Sellner ebenfalls kommen soll – Voggenhuber und Unterberger als Ersatzdiskutanten

Wals/Wien – "Talk im Hangar-7" gehen die Gäste aus: Drei der fünf angekündigten Diskussionsgäste haben ihre Teilnahme an der am Donnerstagabend stattfindenden Sendung auf Servus TV abgesagt. Grund dafür ist der ebenfalls eingeladene Anführer der rechtsextremen "Identitären Bewegung", Martin Sellner. Thema der Diskussion ist jene Studie, die erhöhte Gewaltbereitschaft, Homophobie und Antisemitismus bei großen Teilen sozial schwacher junger Muslime in Wien feststellte.

Der Autor der Studie, Soziologe Kenar Güngör, war von Servus TV ebenfalls als Gast angekündigt. Donnerstagfrüh schrieb er in einem öffentlichen Posting auf Facebook, dass er es zwar für wichtig halte, "sich auch mit jenem Meinungsspektrum auseinanderzusetzen, das völlig konträr zu dem meinigen steht". Doch mit der Einladung Sellners werde "einem rechtsextremen Ideologen mit einer Neonazi-Vergangenheit die mediale Bühne gegeben". Außerdem will Güngör verhindern, "dass unsere Studie als Steilvorlage für rechtspopulistische Propaganda missbraucht wird".

Küssel-Umfeld

Sellner bestätigte bereits 2014, in einer "überschwänglichen pubertären Phase" zum "näheren Umfeld" des Neonazis Gottfried Küssel gehört zu haben – derStandard.at berichtete darüber.

Wenige Minuten nach Güngörs Absage teilte der Jugendforscher Winfried Moser Güngörs Beitrag und sagte seine Teilnahme an der Diskussion ebenfalls ab. Mit dem Imam und Religionslehrer Ramazan Demir sprang dann der dritte Gast von "Talk im Hangar-7" per Facebook-Posting ab.

Update: Voggenhuber und Unterberger als Ersatz

Ale Ersatz präsentierte Fleischhacker am Donnerstagabend überraschend Grünen-Urgestein Johannes Voggenhuber und den ehemaligen "Wiener Zeitung"-Chefredakteur Andreas Unterberger.

Dönmez für Diskussion

Seine Teilnahme nicht zurückziehen möchte Efgani Dönmez. Der ehemalige Bundesrat der Grünen teilte auf Twitter mit: "Diese Geisteskinder bekämpft man, indem man sich mit denen auseinandersetzt, statt Diskussionsverweigerung zu betreiben." Und: "Sellner ist 27 Jahre alt. Gestandene Leute aus Politik/Medien trauen sich nicht, diesem jungen Mann die Stirn durch Argumente zu bieten? Weicheier."

Update: Stellungnahme Fleischhackers

Auf Anfrage des STANDARD verteidigt Moderator Michael Fleischhacker die Einladung Sellners. Sie werde nicht zurückgezogen. In welcher Runde diskutiert wird, steht laut Servus TV noch nicht fest. Das Thema bleibe gleich, neue Gäste sollen kommen. Auf die Frage, ob man Rechtsextremen eine Bühne geben soll, schreibt Fleischhacker wörtlich:

"Heute Abend werden wir beim 'Talk im Hangar-7' über die Ergebnisse der Anfang der Woche veröffentlichten Studie diskutieren, die zeigt, dass unter jugendlichen Muslimen in Wien erhöhte Gewaltbereitschaft, Antisemitismus und Homophobie festzustellen sind, vor allem in sozial schwächeren Milieus. Wir hatten dazu Kenan Güngör, den Studienautor, eingeladen, den Gefängnisseelsorger und Imam Ramazan Demir, den Jugendforscher Winfried Moser, den ehemaligen grünen Bundesrat Efgani Dönmez und den Chef der Identitären Bewegung in Wien, Martin Sellner. Güngör, Moser und Demir haben ihre Teilnahme abgesagt, weil sie der Meinung sind, dass wir mit Martin Sellner einem Rechtsextremen mit Neonazi-Vergangenheit die Möglichkeit geben würden, die Studie in der Öffentlichkeit 'als Steilvorlage' für seine rechtsextreme Propaganda zu nutzen, wie Kenan Güngor auf seinem Facebook-Account schrieb.

Ich finde die derzeit – zumindest im medialen Umfeld – den Mainstream bildende Position, dass man Rechtsextremen keine Bühne geben darf, weil man sich damit in den Dienst der 'Normalisierung' ihrer Positionen stellt, legitim. Aber ich finde sie auch aus mehreren Gründen falsch. Es ist falsch, sich mit dem, was sich derzeit an beiden Enden des ideologischen Spektrums tut, nicht auseinanderzusetzen. Teile davon sind bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen, und es ist notwendig, sich offen damit auseinanderzusetzen. Vor etwa einem Jahr habe ich in einer ORF-Sendung mit Jean Ziegler diskutiert. Ziegler war der Chauffeur von Che Guevara und ist Zeit seines Lebens Linksextremist geblieben. Fair enough, man darf Linksextremist sein. In dieser Sendung sagte Ziegler vor laufender Kamera, dass man die Spekulanten, die dafür verantwortlich seien, dass Kinder verhungern, aufhängen solle. Eine der für die Sendung verantwortlichen ORF-Redakteurinnen hat sich hinterher ein Autogramm von ihm geholt.

Martin Sellner hat eine Vergangenheit im Neonazi-Umfeld, und er ist strafrechtlich unbescholten. FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache hat auch eine Vergangenheit im Neonazi-Umfeld, heute ist er Klubobmann im Parlament. Soll man Menschen mit extremen Standpunkten diskursiv erst dann begegnen, wenn sie ins Proporzmuster des öffentlich-rechtlichen Rundfunks passen? In einem Rechtsstaat wie Österreich darf man sowohl Rechtsextremist als auch Linksextremist sein, solange man im Ausleben seiner Überzeugungen nicht die Grenzen des geltenden Rechts überschreitet. Das ist gut so. Und wir beim 'Talk im Hangar-7' sehen es als unsere Aufgabe, in den Diskussionen, die wir führen, die ganze Bandbreite des Denkbaren abzubilden. Wir glauben nämlich an unser Publikum und seine Fähigkeit, sich auf dieser Grundlage eine eigene Meinung zu bilden." (red, 20.10.2016)

  • Martin Sellner bei einer Demo der "Identitären" am 27. Juli in Wien.
    foto: standard/sulzbacher

    Martin Sellner bei einer Demo der "Identitären" am 27. Juli in Wien.

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