Berliner Syrien-Gespräche bringen nichts Konkretes

20. Oktober 2016, 10:56
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Merkel und Hollande verurteilten russische Aktionen als "unmenschlich" und "Kriegsverbrechen" – Schüsse trotz Waffenruhe in Aleppo – Positives Fazit der Ukraine-Gespräche

Damaskus/Berlin – Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat beim Gipfel mit Russlands Präsident Wladimir Putin keine greifbaren Erfolge zur Lösung des blutigen Syrien-Konflikts erreicht. In der nordsyrischen Metropole Aleppo wurde trotz des Beginns der Waffenruhe geschossen. In der Ukraine-Krise gelang es dagegen in der Nacht auf Donnerstag im Berliner Kanzleramt, den seit langem stockenden Friedensprozess mit einem neuen Fahrplan ein stückweit voranzubringen.

"Auch der heutige Tag hat keine Wunder bewirkt", räumte Merkel nach knapp sechsstündigen Gesprächen ein. Es habe harte Gespräche mit Putin zu Syrien gegeben, auch neue Sanktionen gegen Russland seien nicht vom Tisch. Der französische Präsident François Hollande warf den Russen "Kriegsverbrechen" im syrischen Aleppo vor und forderte einen dauerhaften Waffenstillstand.

Schusswechsel in Aleppo

Kurz nach dem Beginn einer neuen Waffenruhe hat es in Aleppo Schusswechsel zwischen Soldaten des Regimes und Rebellen gegeben. Beide Seite machten sich gegenseitig für die neue Gewalt verantwortlich.

Ein Sprecher der Rebellengruppe Nour al-Din al-Zinki, Yasser al-Yussif, sagte der Deutschen Presse-Agentur, Scharfschützen des Regimes hätten den Stadtteil Bustan al-Qasr und andere Gebiete beschossen. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana meldete hingegen, "Terrororganisationen" hätten Bustan al-Qasr angegriffen.

Unklares Zugeständnis

Ob Putin bereit ist, die Feuerpause zu verlängern, blieb unklar. Russland hatte den zweiten Tag in Folge auf Bombardements in Aleppo verzichtet. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte und Aktivisten aus Aleppos Rebellengebieten meldeten lediglich Kämpfe an der Front.

Der Kremlchef selbst sagte nach dem Treffen in einer separaten Pressekonferenz, Voraussetzung sei, dass sich die bewaffneten Gruppen in Aleppo ebenfalls zu einer Feuerpause bereit erklärten. Er forderte erneut mehr Anstrengungen der USA, gemäßigte Regierungsgegner in Syrien von Terrororganisationen zu trennen. Bei dem Berliner Treffen habe er zudem vorgeschlagen, die Arbeit an einer neuen syrischen Verfassung und möglichen Neuwahlen zu forcieren.

Merkel sagte, die Außenminister sollten nun weiter an einer Lösung arbeiten. Von einer Einigung sei man aber "sehr weit entfernt". Im syrischen Bürgerkrieg sind seit 2011 mehr als 400.000 Menschen getötet worden, fünf Millionen Syrer flohen ins Ausland. Anläufe zum Frieden scheiterten immer wieder.

Harte Kritik

Merkel kritisierte, die Bombardierungen, für die auch Russland Verantwortung trage, seien unmenschlich und grausam für die Bevölkerung. Sie glaube nicht, dass es bei den Angriffen auf Aleppo gelinge, Terroristen von friedlichen Menschen zu trennen, sagte sie mit Blick auf die Argumentation Putins. Der russische Präsident habe die Verantwortung, Einfluss auf den syrischen Machthaber Bashar al-Assad zu nehmen.

Optimismus in Sachen Ukraine

In der Ukraine-Frage zeigte sich Merkel etwas optimistischer. Der Abend habe gezeigt, wie wichtig es gewesen sei, den direkten Gesprächskanal auf der Ebene der Staats- und Regierungschefs mit Putin wieder zu eröffnen. Es sei noch ein "dickes Brett" bis zu einer möglichen Friedenslösung zu bohren. Der Fortschritt des Tages sei, sich auf einen Fahrplan (Roadmap) geeinigt zu haben, der im früheren Lösungspaket von Minsk noch nicht so detailliert angelegt gewesen sei.

Notwendig sei es, humanitäre Hilfe für die leidende Bevölkerung im Gebiet um Donezk und Luhansk zu ermöglichen. Die Vereinbarungen von Minsk seien die einzige Grundlage, "um aus einem Zustand der täglichen Waffenstillstandsverletzung zu kommen. Es ist aller Mühe wert", sagte Merkel.

In Teilen der ostukrainischen Gebiete Donezk und Luhansk bekämpfen sich seit April 2014 Regierungseinheiten und von Moskau unterstützte Separatisten. Als Auslöser gelten die Annexion der Halbinsel Krim durch Russland und der Regierungswechsel in Kiew nach monatelangen prowestlichen Protesten. Aufständische in Donezk und Luhansk erklärten ihre "Unabhängigkeit" von der Ukraine. Schätzungen zufolge sind in dem Konflikt bisher fast 10.000 Menschen getötet worden.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko erklärte, es solle im Bürgerkriegsgebiet im Donbass eine bewaffnete Polizeimission beginnen. Die Außenminister Russlands, der Ukraine, Frankreichs und Deutschlands sollten den Fahrplan bis spätestens Ende November ausarbeiten. Merkel sagte dazu: "Die gute Nachricht ist, dass wir ein Ausgangsdokument haben, das aber noch viele Unstimmigkeiten hat."

Die Details der bewaffneten Polizeimission sollen nach Poroschenkos Worten mit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) abgesprochen werden. Zudem sei vereinbart worden, die demilitarisierten Zonen in der Ost-Ukraine auszuweiten und eine größere Distanz zwischen den Konfliktparteien zu schaffen.

OSZE-Mission ausdehnen

Putin sagte, die OSZE-Mission im Donbass könnte ausgedehnt werden. Details nannte er nicht. Alle Teilnehmer des Berliner Gipfels seien sich einig, dass das Minsker Friedensabkommen umgesetzt werden müsste.

Die bewaffnete Polizeimission wurde von den Aufständischen umgehend abgelehnt. "Dafür gibt es keine Notwendigkeit", sagte Separatistensprecher Wladislaw Dejnego der Agentur Interfax.

Die Europäische Union muss sich nach Meinung Merkels die Möglichkeit offenhalten, weitere Sanktionen gegen Russland zu verhängen. "Man kann sich der Option nicht berauben", sagte Merkel. Hollande erklärte, beim EU-Gipfel an diesem Donnerstag und Freitag werde es eine Diskussion über Sanktionen geben. (APA, 20.10.2016)

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