Der Kanzler, das Burgenland und das perfekte Glück

19. Oktober 2016, 16:55
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Bundeskanzler Christian Kern besuchte das anstößig rot-blaue Burgenland, fand dafür lobende Worte und tat, was er am allerbesten kann: reden, reden, reden

Eisenstadt – Dort, wo Eisenstadt über seine bebauungsoptisch so herzzerreißende Rusterstraße ausfranst zur Autobahn hin, steht – ganz hinten, hinter Technologiezentrum und Möbelhaus und so manch anderer Bausünde – die lokale Fachhochschule; ein dann auch architektonisch sehr ansprechender Bau.

In dem ging es am Dienstag schon knapp nach Mittag hoch her. Immerhin hatte sich der Kanzler angesagt. Nicht direkt zum Smalltalk, aber doch immerhin zum Talk.

Es war Christian Kerns erster "Burgenlandtag", und der Herrgott war – gewissermaßen – gnädig. Der Anblick der Eisenstädter Peripherie blieb ihm weitgehend erspart. Der Dienstag hatte sich nämlich schon am Vormittag dazu entschieden, gleich wieder ins herbstnebelige Abenddämmern zu verfallen.

Produktivkraft

Je trüber der Tag, desto strahlender dann halt der Gast. Zumal der ja, befreit von den Mühen nachministerrätlicher Gesprächstermine, hier im Hörsaal 1 zu eigentlicher Größe aufblühen konnte: rhetorische Visionen zur Zukunft.

Klar, ein sauberes Budget, sowieso. Aber andererseits: "Es geht um folgende Analyse: Wir haben die Wahl, ob wir der Entwicklung hinterherhinken oder uns an deren Spitze stellen." Entscheidend hierfür: Bildung, Bildung, Bildung. Oder eigentlich: "Produktivkraft zwischen den Ohren."

Verbalerotik

Dafür, dass, was er sagt, nicht bei dem einen hinein- und beim anderen hinausgeht, hat Christian Kern eine selten gewordene Begabung: die Verbalerotik. Eine Gnade, die jeder Politiker braucht. Er liebt es zu reden. Ergreift er das Wort, umschreitet er in hoher Anschaulichkeit sein Weltbild. Ihm ist es gegeben, im Reden zu entwerfen. (Strukturierter als Bruno Kreisky, der auch schwadronieren konnten, und zwar wie! Schwadronierender aber doch als Wolfgang Schüssel, und zwar wie!)

Dem Kanzler ist darüber hinaus aber auch – noch – die Gabe gegeben, praktisch immer interessiert zu wirken. Er lauscht. Er nickt verstehend oder aufmunternd. Er spricht mit den Augenbrauen. Als der rot-blaue Hans Niessl einen produktivkraftbezüglichen Schmäh reißt ("Wir wollen rauchende Köpfe statt rauchender Schlote"), grimassiert er beipflichtend oder aufmunternd oder notizblockartig: Muss ich mir merken.

Produktionsverhältnisse

Freilich, die Produktionsverhältnisse! Da geraten die Inhalte dann manchmal nicht nur durch-, sondern auch gegeneinander. Das bleibt dann zwischen den Ohren nicht ganz so mehr hängen. So Angelegenheit wie Ceta (Samma dafür, samma dagegen?) werden mit großer Geste wegerzählt.

"Ich kann euch sagen, ich bin in New York gewesen bei der Uno ..." Nicht nur, dass Kern dort Obama getroffen habe und seinen kanadischen Kollegen Trudeau, er habe auch erkennen müssen, dass die Rolle Europas grosso modo nicht nur handelspolitisch, aber handelspolitisch eben auch, geradezu "stiefmütterlich" sei.

Deshalb stimme man nun Ceta schon zu. Auch halt, weil man zur Kenntnis zu nehmen habe, dass, was die EU in der Welt, Österreich in der EU sei. Aber dann bei TTIP!

Perfektes Glück

Nach dem Date mit der künftigen interauralen Produktivkraft gab es eines mit dem regionalen Journalismus. Und da kam klarerweise die Frage, ob er, der ja nicht bloß Kanzler, sondern auch SPÖ-Parteichef sei, das politische Farbenspiel im Burgenland integrieren können in seinen Entwurf der Sozialdemokratie.

Markus Stefanitsch, Chef der pannonischen "NÖN", der "BVZ", sehr direkt: "Sind Sie glücklich mit Rot-Blau?" Der Kanzler: "Ich bin perfekt glücklich!" Im Bund sei das klarerweise anders.

Um, quasi, nicht zu sagen, dass, was die EU in New York, Österreich in der EU, in weiterer Folge das Burgenland in Österreich sei. Wenigstens diesbezüglich: neunter Zwerg von links aus gesehen. Das sagte aber Christian Kern nicht. Nicht ausdrücklich.

Rot-Gold-Heuriger

Stattdessen sagte er: "Das Burgenland gibt Anlass zu Selbstbewusstsein in der österreichischen Sozialdemokratie." Weil: "Mehr als 42 Prozent." Da würden andere träumen davon.

Das war aber schon beim Rot-Gold-Heurigen in Neudörfl, wo sich an die 500 rote Gemeindefunktionäre nicht nur den Zuspruch des Regierungschefs holten. Sondern auch jene fotografischen Belegstellen für den anstehenden Kommunalwahlkampf im nächsten Jahr, die Kern für seinen Wahlkampf sich in New York geholt hat.

"A bisserl müd' hat er schon ausg'schaut", sagt einer der aufmunitionierten Kommunalen. Ein anderer meint, und das meint er gar nicht despektierlich, sondern beinahe ironisch: "Es war ein erfolgreiches Motivationsseminar für die Basiswappler."

Wann Christian Kern diese Motivation – laufen, laufen, laufen – selber brauchen könnte, war ihm weder von Markus Stefanitsch noch von "Bezirksblätter"-Chef Christian Uchann zu entlocken: "Wir sind bis 2018 gewählt." Freilich: "Wenn der Koalitionspartner das nicht will, werden wir das zu Kenntnis nehmen."

Äußerlich, innerlich

Einer der Neudörfler Basiswappler oder Basiswapplerinnen sprach – später am Abend, zugegeben – aus, was nicht wenige so bei sich gedacht haben: ein ausgesprochen fescher Kampl; eine sehr angenehme, mitnehmende Stimmlage, nicht nur im Vergleich zum Vorgänger; eine durchs gediegene Schneiderhandwerk auch hochelegante Erscheinung; herzeigbar. "Aber das kann man so natürlich nicht sagen, weil da würde man den Christian ja reduzieren auf sein Geschlecht und aufs bloß Äußerliche."

Das aber wäre dann schon eine andere Geschichte: die inneren Werte. (Wolfgang Weisgram, 19.10.2016)

  • Bundeskanzler Christian Kern und die burgenländische "Produktivkraft zwischen den Ohren".
    foto: bka/andy wenzel

    Bundeskanzler Christian Kern und die burgenländische "Produktivkraft zwischen den Ohren".

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