Die antifaktische Maschine

Kolumne19. Oktober 2016, 17:00
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Anhänger der Parteien Die Linke und AfD unterscheiden sich in einem Punkt so gut wie gar nicht voneinander: in ihrem Vertrauen zu Wladimir Putin

Der Befund, wonach politische Debatten immer polarisierter geführt werden, hat mittlerweile einen ähnlichen Originalitätsgehalt wie die Erkenntnis, dass unter verschiedenen Namen geäußerte Meinungen in sozialen Medien und Internet-Foren nicht immer von verschiedenen real existierenden Personen stammen. Umso bemerkenswerter, wenn sich einander scheinbar unversöhnlich gegenüberstehende Extrempositionen auf eine gemeinsame Basis einigen können. Dass so etwas möglich ist, zeigt eine von der deutschen Wochenzeitung Die Zeit veröffentlichte Umfrage, laut der sich Anhänger der Parteien Die Linke und AfD in einem Punkt deutlich von den Anhängern aller anderen Parteien, aber so gut wie gar nicht voneinander unterscheiden: in ihrem Vertrauen zu Wladimir Putin.

Wie schafft es der russische Präsident, so eine Allianz hinter sich zu vereinigen? Ein Beispiel für seine Erfolgsstrategie war vor zwei Wochen in Moskau zu beobachten. Dort wurde Memorial, die bekannteste Menschenrechtsorganisation des Landes, von den Behörden auf die Liste "ausländischer Agenten" gesetzt. Allein schon der Name lässt erkennen, warum die derzeitige Staatsführung ein Problem mit der Arbeit von Memorial hat. Die aus einer Bürgerbewegung entstandene NGO hat sich nämlich die historische Aufarbeitung politischer Gewaltherrschaft unter besonderer Berücksichtigung des Stalinismus zum Ziel gesetzt. Was Putin von diesem Ansinnen hält, ließ er die Welt unlängst durch seinen Kulturminister Wladimir Medinski wissen. Es sei "sinnlos, nach historischen Fakten zu suchen", denn diese könnten sich als "unnötig oder schädlich" erweisen, vor allem, wenn sie "russlandfeindlich" seien.

Das Motto lautet also: Amnesia statt Memorial. Und damit können sich so manche Anhänger der Linken, wenn es um das SED-DDR-Regime geht, genauso identifizieren wie viele AfD-Fans, wenn von Deutschland zwischen 1933 und 1945 die Rede ist. Historischen Tatsachen, die nicht ins Weltbild passen, begegnen sie nicht bloß "postfaktisch", sondern lieber gleich "antifaktisch".

Dabei könnten sie in Zukunft sogar technische Unterstützung erhalten, und zwar – wenig überraschend – aus Russland. Der von Putin persönlich eingesetzte Vorsitzende der russischen Präsidialverwaltung, Anton Waino, hat eine diesbezüglich möglicherweise bahnbrechende Erfindung gemacht: das Nooskop. Ein Gerät, das laut Waino nicht nur "das Kollektivbewusstsein der Menschheit", sondern generell "das Unsichtbare" registrieren kann, denn "es gibt keinen Weg zu beweisen, dass die uns vertraute Welt tatsächlich existiert".

Die Auswirkungen, die so eine Wundermaschine auf die Neugestaltung der Vergangenheit haben könnte, geben aber nicht nur geübten Vergangenheitsablehnern, sondern uns allen Anlass zu den kühnsten Hoffnungen. Vielleicht dürfen wir es ja noch erleben, dass David Alabas Stangenschuss gegen Ungarn ins Tor gegangen und Österreich regierender Europameister ist. Oder dass Jörg Haider nach der heißen Nacht im "Stadtkrämer" ein Taxi genommen hat und bald schon um eine Fußfessel ansuchen darf. Und vor allem: dass Wladimir Putin von seiner Mama mehr gemocht wurde. (Florian Scheuba, 19.10.2016)

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