Klassen: Auf die Größe kommt es doch an

Kommentar der anderen19. Oktober 2016, 17:00
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Bildungsreformen sind keine Einsparungen? Wer's glaubt ...

Damit Sie nicht immer auf angebliche und immer ungenannt bleibende Studienergebnisse aus dem bildungswissenschaftlichen Bereich angewiesen sind, möchte ich Ihnen eine tatsächliche Unterrichtserfahrung als ehemalige AHS-Lehrerin für Englisch und Deutsch erzählen: Es war in der vierten Klasse Unterstufe, als eine Schularbeit vor der Tür stand, bei der die Beherrschung der gesamten Zeitenfolge kontrolliert werden sollte. Es war also eine wichtige Schularbeit vor dem Übertritt in die Oberstufe. Da die letzte Arbeit nicht besonders gut ausgefallen war, bot ich den Schülerinnen und Schülern mit der Benotung Genügend oder Nicht genügend einen kurzen Leistungskurs an. So erklärte ich vor der halben Klasse – auf dieselbe (differenzierte) Art und Weise wie zuvor der vollzähligen Klasse – den Grammatikstoff noch einmal. Was war das Ergebnis? Alle, die den Leistungskurs besucht hatten, schrieben Schularbeiten, die mit Noten zwischen Sehr gut und Befriedigend bewertet werden konnten! – Dieses Ergebnis hat meine schwer verifizierbare langjährige Erfahrung bestätigt, dass es auf die Größe der Klasse ankommt, wenn es um effizienten Unterricht gehen soll.

Nun wird in den Medien das Gegenteil behauptet. – Mein Vorschlag: Versuchen Sie doch einmal, einer Gruppe Pubertierender in der Größe von 36 Personen einen Sachverhalt zu erklären, und tun Sie dasselbe vor einer Gruppe von 20. Der Vergleich macht Sie sicher!

Im Übrigen ist an der Universität, wo ich mittlerweile seit eineinhalb Jahrzehnten lehre, selbiges zu vermelden: Übungen mit 40 Studierenden? Unter diesen Bedingungen ist es unmöglich, jede einzelne Person zu erreichen.

Und zwischen der universitären Lehrerausbildung und der schulischen Berufspraxis stehen die Jahre nach dem Bachelor-Abschluss, in denen die armen Junglehrerinnen und Junglehrer mit einer weniger profunden Ausbildung als zuvor (siehe Gruppengröße in Übungen) neben einer vollen Lehrverpflichtung auch noch ihre Masterarbeit abfassen müssen. Bis zum Abschluss des Masterstudiums aber liegt das Junglehrergehalt um einiges unter dem regulären Anfangsgehalt.

Wie kann man der Behauptung, es handle sich bei Bildungsreformen nicht um Einsparmaßnahmen, Glauben schenken?

PS: Und dass die Schulleitung statt bisher eine nun bis zu acht Schulen umfassen können wird, hat natürlich auch nichts mit ökonomischen Gründen zu tun. (Alexandra Millner, 19.10.2016)

Alexandra Millner ist Universitätslektorin an der Universität Wien.

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