Lungenkrebs: Immuntherapie zeigt, was sie kann

19. Oktober 2016, 14:42
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90 Prozent der Lungenkrebs-Patienten sterben. Mit der Immuntherapie könnte eine der häufigsten Karzinomerkrankungen deutlich besser behandelbar werden

Die moderne Onkologie hat bereits einige Krebserkrankungen gut behandelbar gemacht. Nicht so war das bisher beim Lungenkarzinom. Hier könnte die neue Immuntherapie ihre "Nagelprobe" absolvieren. Vieles deutet auf gute Erfolge hin, hieß kürzlich bei einem Hintergrundgespräch in Wien.

Die Herausforderungen sind enorm. "Im letzten Jahrhundert sind so viele Menschen am Rauchen gestorben als bei 450 Jumbo-Jet-Abstürzen täglich", sagte Christoph Zielinski, Koordinator des Wiener Comprehensive Cancer Center (MedUni Wien/AKH). "90 Prozent der Patienten, die Lungenkrebs haben, sterben daran", fügte Wolfgang Hilbe, Vorstand der 1. Medizinischen Abteilung am Wiener Wilhelminenspital, hinzu. Bei 85 Prozent Raucheranteil an den Erkrankten sei es unverständlich, warum die Politik in Österreich darauf nicht entsprechend reagiert habe.

Das Problem liegt darin, dass 63 Prozent der Lungenkarzinome erst in einem inoperablen und zumeist deutlich fortgeschrittenen Stadium mit Metastasen diagnostiziert werden. "Die mittlere Überlebensdauer hat da acht bis zehn Monate betragen", sagte Hilbe über die Vergangenheit. Bei relativ kleinen Untergruppen der Patienten mit Tumoren mit Mutationen im EGFR-, VEGFR-, ALK- oder MET-Gen konnten in den vergangenen zehn Jahren mit sogenannten zielgerichteten Medikamenten – zum Teil in Kombination mit Chemotherapie, zum Teil ohne – die Behandlungsergebnisse deutlich verbessert werden.

Abwehrsystem schärfen

Einen zum Teil vergleichbaren, aber länger anhaltenden Effekt erzielen derzeit die neuen Immuntherapeutika. Es handelt sich dabei vor allem um monoklonale Antikörper wie Nivolumab etc., welche die Tumor-eigenen Bremsen (PD-L1, CTL-A4) für den Angriff der Immunzellen lösen und das Abwehrsystem der Betroffenen wieder scharf machen. Bei Patienten mit fortgeschrittenem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom konnte damit die Überlebenswahrscheinlichkeit nach einem Jahr von 24 auf 42 Prozent und nach zwei Jahren von acht auf 23 Prozent gehoben werden. Das Positivum: Bei den Immuntherapeutika, solche gegen LAG3- und ähnliche Immunblockade-Moleküle auf den Tumorzellen werden wohl bald folgen, scheint der Effekt langfristig anzuhalten. Zielinski sprach von einer "Plateaubildung".

Doch diese Entwicklung steht erst am Anfang. Jetzt geht es darum, die Immuntherapeutika mit allen anderen bereits vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten bei Lungenkrebs sinnvoll zu kombinieren. Einen rationalen Zugang hat hier der US-Pharmakonzern BMS gewählt, der in der sogenannten Checkmate012-Studienreihe im Vergleich die verschiedenen Therapieoptionen vergleicht: Anti-PD-1-Monotherapie (Immuntherapie), kombinierte Immuntherapie mit Anti-PD-1- und Anti-CTL-A4-Antikörper, Anti-PD1-Therapie plus Chemotherapie, Anti-PD1-Therapie plus VEGFR-Inhibierung und Anti-PD-1 plus Anti-EGFR-Antikörper. VEGF- und EGF-Strategien sind solche der sogenannten zielgerichteten Therapie.

Offen ist aber, wie gut eventuell eine zusätzliche oder alternative Strahlentherapie wäre. Alles was an bösartigen Zellen zusätzliche genetische Schäden setzt, müsste diese eigentlich für das Immunsystem besser erkennbar machen. Erfolgt das, müssten auch die Immutherapeutika über den erreichten Grad von um die 20 Prozent der Patienten, welche langfristig auf die Behandlung ansprechen, hinauskommen. In Österreich sterben derzeit pro Jahr rund 20.000 Menschen an Krebs. Etwa 3.700 Todesfälle davon sind durch Lungenkrebs verursacht. (APA, 19.10.2016)

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