"Aquarius": Standhaft in die neuen Zeiten

19. Oktober 2016, 17:20
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Kleber Mendonça Filhos zweiter Spielfilm nimmt seinen Ausgang bei einem einfachen Möbelstück – und erzählt die Geschichte einer starken Frau, die sich gegen Bauspekulanten zur Wehr setzt

"Die Zukunft ist eine Bedrohung oder ein Verkaufsargument, die Gegenwart fliegt an dir vorbei, wie eine Landschaft, gesehen aus einem fahrenden Auto, aber die Vergangenheit ist das, worauf du stehst, woran du dich lehnst, was du einatmest." Ein Satz aus Luc Santes vergangenes Jahr erschienenem Buch The Other Paris, der auch perfekt am Anfang von Aquarius stehen könnte. Kleber Mendonça Filhos herausragendes zweites Regiewerk handelt von den zweifelhaften Versprechungen der Zukunft, der Flüchtigkeit der Gegenwart – und vor allem von Erinnerungen und davon, wie diese sich an Gegenstände heften und damit Teil unserer Identität werden.

foto: viennale
Ein Haus voller Erinnerungen: Sônia Braga, in Brasilien ein Superstar, spielt in Kleber Mendonça Filhos "Aquarius" eine ehemalige Musikkritikerin, die nicht von der Stelle weicht.

Zu Beginn von Aquarius ist es eine einfache Holzkommode, die wie Prousts Feingebäck Madeleine in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit als Auslöser einer Erinnerung dient. Es ist das Jahr 1980. In einem geräumigen Apartment direkt am Strand von Recife feiert Lucia ihren siebzigsten Geburtstag im Kreise der Familie. Es werden Reden geschwungen und Lieder gesungen. Lucias Blick schweift auf die Kommode, und sie sieht – offenbar angeregt von den Rückblicken auf ihr Leben – vor ihrem geistigen Auge, wie sie auf dem Möbelstück als junge Frau Sex mit ihrem längst verstorbenen Mann hatte.

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Ein Sprung in die Gegenwart: Die Kommode steht immer noch an derselben Stelle, aber jetzt lebt Lucias Nichte Clara in dem Apartment. Die 65-Jährige hat die Wohnung längst mit eigenen Gegenständen gefüllt, die für sie mit Bedeutung aufgeladen sind: an erster Stelle mit ihrer Plattensammlung, die auch Zeugnis ihrer Karriere als Musikkritikerin ist. Claras Mann ist gestorben, und die Kinder sind längst aus dem Haus, doch ihr Alltag ist nicht rückwärtsgewandt: Clara lebt ein selbstbestimmtes Leben, hat Freunde, geht aus, flirtet – und lässt auch digital gespeicherte Musik an ihre Ohren. Das Apartment ist Teil ihrer Geschichte, ihrer Identität. Deshalb weigert sie sich, es an einen Immobilienmagnaten zu verkaufen, der ein neues Hochhaus an gleicher Stelle hochziehen will. Clara ist die Einzige, die im Haus noch ausharrt, alle anderen haben schon verkauft. Und so langsam beginnt der Investor damit, den Druck auf sie mit allen legalen und illegalen Mitteln zu erhöhen. Doch Clara erweist sich als Gegnerin, die man nicht unterschätzen sollte.

Im Vorbeifliegen

So sehr Aquarius ein Porträt seiner faszinierenden Hauptfigur ist, die mit Brasiliens Superstar Sônia Braga perfekt besetzt ist, so sehr gelingt es Kleber Mendonça Filho auch, gewissermaßen beiläufig, die gesellschaftspolitischen Probleme des Landes mit in den Blick zu nehmen: Korruption und Nepotismus sind als Thema in diesen Film ebenso eingeschrieben wie Klassenspannungen und Rassenschranken, wobei das Problem der Gentrifizierung sich natürlich nicht auf die brasilianischen Großstädte beschränkt. Makroblick und Mikroperspektive verflicht der ehemalige Filmkritiker so elegant mit dem Thema der Koexistenz von Gegenwart und Vergangenheit in unserer aller Leben, dass die knapp zweieinhalb Stunden im Kino so schnell vorbeizufliegen scheinen wie die Landschaft beim Blick aus einem fahrenden Auto. (Sven von Reden, 20.10.2016)

  • 21. 10., Gartenbau, 20.30
  • 2. 11., Gartenbau, 15.30
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