Studie: Massenpanik ist rechtslastig

24. Oktober 2016, 09:00
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In einem Experiment untersuchten Forscher, wie eine Massenpanik entsteht. Ein Ergebnis: Die meisten Menschen versuchen, rechts an den anderen vorbeizukommen

Berlin – Der Menschenpulk drängt zum Ausgang. Es wird geschubst, geschoben und gestoßen. Unruhe bricht aus. Menschen stürzen zu Boden, verletzen sich, werden zu Tode getrampelt. Das ist das typische Szenario einer Massenpanik.

Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung untersuchten nun, warum es in solchen Notsituationen zu Herdenverhalten und Gedränge kommt. Da solche Fragestellungen nicht unter realen Bedingungen untersucht werden können, entschlossen sich die Wissenschafter, den Ablauf einer Massenpanik über ein Simulationsexperiment zu beobachten.

Dazu wurden 36 Probanden in einer dreidimensionalen virtuellen Umgebung in eine Notfallsituation gebracht. Alle Studienteilnehmer saßen gleichzeitig vor Computerbildschirmen, steuerten einen Avatar und mussten unter Stress verschiedene Aufgaben lösen.

Rechte Seite wird bevorzugt

So sollten die Probanden zum Beispiel in einem schmalen Flur aneinander vorbeigehen, ohne sich zu berühren. Das Ergebnis: Das Vermeidungsverhalten im virtuellen Raum ist so, wie es bereits Experimente in der realen Welt gezeigt haben. – 95 Prozent der Probanden wählten die rechte Seite, um aneinander vorbeizukommen. Auch in vorangegangenen Studien konnte gezeigt werden, dass Europäer in den meisten Fällen intuitiv auf der rechten Seite laufen.

Um zu sehen, wie die Probanden in einer Notsituation reagieren, simulierten die Forscher eine Evakuierungssituation in einem unübersichtlichen Gebäude mit vier Ausgängen, von denen jedoch nur einer ins Freie führte. Der Großteil der Gruppe wusste nicht, welche Ausgangstür die richtige war, allerdings gab es einzelne Studienteilnehmer, die per Richtungspfeil auf ihrem Bildschirm zur unversperrten Tür gelotst wurden. Davon wusste zwar auch der Rest der Gruppe, sie hatte aber keine Kenntnis darüber, wer in der Gruppe diesen Informationsvorteil hatte.

Zusätzlich erhöhten die Forscher den Stresspegel, indem sie die Probanden unter zeitlichen und finanziellen Druck setzten. So musste das Gebäude innerhalb von 50 Sekunden verlassen werden – schafften sie das nicht, würde sich dies negativ auf die Bonuszahlungen am Ende auswirken. Dazu kamen eine schlechte Beleuchtung, rotblinkende Lämpchen und Feuer an den verschlossenen Ausgangstüren.

Gefährlicher Herdentrieb

Die Simulationsexperimente zeigten, dass das Gedränge unter Stress deutlich zunahm. Am gefährlichsten war die Situation an jenen Stellen, wo Entscheidungen getroffen werden mussten – also bei Engpässen oder Sackgassen, wenn sich Rückstau bildete und die Menschen gezwungen waren umzukehren und gegen den Strom zu laufen.

Die Forscher schauten sich zudem die Gruppendynamiken während der Evakuierungssituation an. Sie konnten beobachten, dass Menschen unter hohem Stress und bei Enge den sozialen Signalen einer Gruppe stärker ausgesetzt sind als in weniger stressigen Situationen. Das heißt, sie nehmen intensiver wahr, wohin sich eine Gruppe bewegt und was sie tut. Dadurch steigt der Einfluss der Gruppe auf den Einzelnen. Das Fazit der Studie: Menschen folgen in Krisensituationen eher einer Gruppe. Durch dieses Herdenverhalten erhöht sich das Risiko für Unfälle und Verletzungen.

max planck institute for human development
Das menschliche Verhalten im virtuellen Raum ist jenem im realen Leben sehr ähnlich, betont Studienleiter Mehdi Moussaïd.

Helfen oder Spiel gewinnen

In einer weiteren Studie konnten die Max-Planck-Forscher außerdem zeigen, dass Hilfsbereitschaft besonders in Extremsituationen stark von der Persönlichkeit abhängt. Das bedeutet konkret: In Notfällen helfen soziale und uneigennützige Menschen eher mehr als in Alltagssituationen, während Menschen, die zu Egoismus tendieren, auch hier weniger hilfsbereit sind. "Notsituationen scheinen die ursprüngliche Tendenz zur Kooperationsbereitschaft einer Person zu verstärken", interpretiert Studienleiter Mehdi Moussaïd die Ergebnisse.

Auch hier simulierten die Wissenschafter in einem sogenannten "Helfen- oder Flüchten-Dilemma-Spiel" unterschiedliche Szenarien am Computer. 104 Probanden mussten unter finanziellem und zeitlichem Druck entscheiden, ob sie Zeit verlieren, um anderen zu helfen, oder das Spiel gewinnen wollten.

Alltagssituation vs. Notfall

Das erste Szenario spielte in einer alltäglichen Situation am Bahnhof. Ziel war es, einen Zug zu erreichen. Der Zeitrahmen für das Spiel betrug 60 Sekunden. Als Erfolgsbonus wurde ein Euro ausgelobt, bei Misserfolg drohten keine Konsequenzen. Das Computerspiel sah vor, dass die Probanden auf dem Weg zum Bahnsteig auf acht Reisende trafen, die ihren Zug nicht finden konnten. Die Studienteilnehmer hatten nun die Wahl per Knopfdruck zu helfen oder zu flüchten, indem sie das Spiel beendeten.

Ob sie den Zug pünktlich erreichten, bestimmte im Anschluss der Computer – und zwar abhängig davon, wann die Probanden das Spiel verließen. Das frühzeitige Verlassen des Spiels erhöhte dabei die Erfolgschancen. Je mehr Menschen sie halfen, desto geringer wurde ihre Chance, das Spiel zu gewinnen.

Das zweite Szenario stellte eine Notsituation in einem Bahnhof dar. Nach einer Explosion musste das Gebäude so schnell wie möglich verlassen werden. Dafür hatten die Probanden 15 Sekunden Zeit. Falls sie es nicht schafften, drohte der Verlust von vier Euro. Bei Erfolg gab es keinen Bonus. Auch hier waren wieder acht andere Reisende eingeblendet, die Hilfe benötigten.

Egoisten helfen im Notfall noch seltener

Nach dem Spiel machten die Forscher mit den Probanden einen Test, in dem eruiert wurde, ob die Probanden eher zu prosozialem Verhalten oder zu Individualismus tendieren.

Die Auswertung zeigte, dass in der Notsituation eher diejenigen Probanden halfen, die eher als uneigennützig und prosozial eingestuft wurden. 44 Prozent von ihnen verhielten sich in der Notsituation sogar hilfsbereiter als in der harmlosen Alltagssituation. Bei den Probanden mit eher egoistischem Verhalten war das Gegenteil der Fall: Bei 52 Prozent von ihnen verringerte sich die Hilfsbereitschaft in der Notsituation. (gueb, 24.10.2016)

  • Je nach Blickwinkel stellt sich die Gefahrensituation anders dar. Bild A zeigt den Blick von oben auf die 36 Avatare, welche die Studienteilnehmer durch eine Enge steuern mussten. Bild B zeigt die gleiche Situation aus Sicht eines einzelnen Probanden.
    foto: mehdi moussaïd/mpib

    Je nach Blickwinkel stellt sich die Gefahrensituation anders dar. Bild A zeigt den Blick von oben auf die 36 Avatare, welche die Studienteilnehmer durch eine Enge steuern mussten. Bild B zeigt die gleiche Situation aus Sicht eines einzelnen Probanden.

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