Ikea-Filiale in Schanghai geht gegen einsame Senioren vor

19. Oktober 2016, 12:15
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Pensionisten suchten Partner im Restaurant und besetzten viele Tische. Dem schwedischen Möbelriesen hat es nun gereicht

Für chinesische Senioren hat es sich ausgedatet – zumindest in einer Ikea-Filiale im Bezirk Xuhui in Schanghai. Im dortigen Restaurant trafen sich auffallend viele Pensionisten, um abzuhängen, zu quatschen und vielleicht einen neuen Partner kennenzulernen. Dem schwedischen Möbelriesen war das nun zu viel – er ging gegen die Datingbörse der etwas anderen Art vor.

Chinesischen Medienberichten zufolge machten die Senioren intensiv Gebrauch von der leicht erhältlichen Ikea-Mitgliedskarte, durch die man im Möbelhaus kostenlos Kaffee erhält. Damit verbrachten sie dort dann den ganzen Tag, laut dem Sender CCTV News meist an Dienstagen und Donnerstagen. Hinter alldem wird eine Partnerschaftsbörse für einsame Senioren vermutet.

Zuerst kaufen, dann setzen

Seit dieser Woche aber sind kaum zu übersehende Hinweisschilder im Restaurant angebracht. Darauf wird auf große Probleme mit einer Gruppe von Senioren aufmerksam gemacht, die sich nicht respektvoll gegenüber anderen Kunden und Mitarbeitern verhielten, Sitzplätze für lange Zeit besetzten und eigenes Essen und Getränke mitbrachten. Außerdem, so steht dort, "spuckten sie herum, machten Lärm und wurden handgreiflich". Als Reaktion darauf wurde das Sicherheitspersonal aufgestockt und die Devise eingeführt: zuerst kaufen, dann hinsetzen. Wer nichts konsumiert, hat also keinen Anspruch auf einen Sitzplatz.

Seit dieser Woche stehen die großen Hinweisschilder im Ikea-Restaurant.

In den sozialen Medien Chinas wie Weibo hat die Entscheidung unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Ein User etwa schreibt: "Was haben sie falsch gemacht? Sie sind einsam und wollen einen Partner finden. Ikea sollte mehr Mitgefühl zeigen." Auf der anderen Seite sprachen Befürworter der Maßnahme von "unmöglichem Verhalten der Senioren, das nicht toleriert werden darf". Ein User wies auf Weibo darauf hin, dass Ikea die Interessen der zahlenden Kunden berücksichtigen müsse: "Es ist schlechtes Benehmen, so lange Plätze zu besetzen, während andere warten müssen."

"Wir fühlen uns wie Außerirdische"

Der 86-jährige Herr Qiu rechtfertigte sich gegenüber der chinesischen Tageszeitung "Global Times": "Wir fühlen uns wie Außerirdische – umgeben von Jüngeren. Wenn es in Schanghai einen Platz geben würde, an dem sich ältere Menschen in Ruhe treffen und kennenlernen können, sind wir gerne bereit, das Doppelte zu bezahlen und weit zu fahren."

Zuerst kaufen, dann setzen, lautet nun die Devise in der Ikea-Filiale in Schanghai.

Der Vorfall in Schanghai wirft ein Licht auf die Situation alleinlebender Senioren in China. Laut einer im März veröffentlichten Studie der Chinesischen Volksuniversität leben rund die Hälfte der über 60-Jährigen allein, 25 Prozent fühlen sich einsam. Als Ursache sehen viele die 1979 eingeführte und erst im vergangenen Jahr gelockerte Ein-Kind-Politik. Dadurch gebe es keinen großen Familienverbund, der sich um die geschiedenen oder verwitweten Senioren kümmere.

Laut jüngsten Behördenangaben fallen 222 Millionen Chinesen in die Altersgruppe über 60, das entspricht aktuell 16,1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Für das Land wird eine fortschreitende Alterung der Bevölkerung prognostiziert, 2050 soll bereits jeder dritte Chinese über 60 Jahre alt sein. (ksh, 19.10.2016)

  • Eine Ikea-Filiale in Schanghai geht gegen Senioren vor.
    foto: ap

    Eine Ikea-Filiale in Schanghai geht gegen Senioren vor.

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