"Wir haben dein Kind": Vorgetäuschtes Kidnapping mit Facebook

19. Oktober 2016, 12:00
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In den USA gibt es bereits mehrere Fälle von "virtuellem Kidnapping", Daten über Social Media ausgespäht

Ein unbekannter Anrufer, eine dunkle Stimme: "Wir haben deine Tochter." So begannen die schlimmsten Stunden im Leben der US-Amerikanerin Wendy Mueller, die ihre Torturen jetzt der Washington Post geschildert hat. Mehr als fünf Stunden lang konnte der unbekannte Mann Mueller davon überzeugen, dass er deren Tochter entführt hatte. Er brachte Mueller dazu, ihm fast 10.000 Dollar nach Mexiko zu überweisen. Während er das Telefongespräch nie unterbrach, schickte der vermeintliche Kidnapper Mueller kreuz und quer durch ihren Heimatstaat Northern Virginia.

Dann bekam Mueller plötzlich eine SMS von ihrer Tochter, in der sie von ihrem Tag auf der Universität erzählte. Heimlich beantwortete sie die Nachricht und schnell wurde klar: Der Mann am anderen Ende der Leitung hat ihre Tochter definitiv nicht entführt. Es handelte sich um einen Fall von vorgetäuschtem Kidnapping. Das Phänomen grassiert momentan in ganz Amerika, das FBI bearbeitet mehrere Fälle.

Aufmerksamkeit gefordert

Die Kidnapping-Betrüger spionieren ihre Ziele offenbar über soziale Medien aus. Wenn sie ausreichend Informationen über Kinder und Eltern gesammelt haben, setzen sie den Anruf ab. Im Hintergrund lassen sie oftmals ein Band laufen, das das Schluchzen der Tochter oder des Sohnes vortäuscht. Indem die Betrüger während des gesamten Vorganges der Geldüberweisung Aufmerksamkeit von ihrem Gesprächspartner fordern, erhält dieser nicht genügend Zeit, um nachzudenken.

Ermittlung nahezu unmöglich

Die Methode stellt Ermittler vor große Probleme: Bis die betroffenen Eltern bei der Polizei Anzeige stellen können, haben diese ihre Mobiltelefone samt Prepaid-Karten bereits entsorgt. Das "Lösegeld" wird in kleinen Summen an diverse internationale Adressen überwiesen, sodass eine Verfolgung des Geldflusses sehr mühsam wird. Hier ist fraglich, ob Strafbehörden überhaupt genügend Ressourcen auf die Ermittlung der Betrüger aufwenden wollen, da Experten bei der Identifizierung von internationalen Geldflüssen ja vor allem im Bereich des Terrorismus, Menschenhandels oder der Drogenkriminalität gebraucht werden.

Tipps gegen Betrug

Eine lokale US-Polizeibehörde hat nun eine Übersicht online gestellt, wie Kidnapping-Betrüger identifiziert werden können. So sollen anvisierte Eltern darum bitten, als Beweis für die Echtheit der Entführung vom Smartphone ihres Kindes aus angerufen zu werden. Außerdem soll man darauf achten, ob der Anrufer um jeden Preis konstant am Apparat bleiben will – bei echten Entführungen werden Telefonate meist sehr kurz gehalten. In Europa ist bislang übrigens noch kein Fall einer virtuellen Entführung bekannt geworden. (red, 19.10.2016)

  • Bis zu zehntausend Dollar können die Kidnapping-Betrüger von ihren Opfern erpressen
    foto: apa/afp/bleier

    Bis zu zehntausend Dollar können die Kidnapping-Betrüger von ihren Opfern erpressen

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