Hitler-Geburtshaus: Aussetzung der Entscheidung gefordert

Analyse19. Oktober 2016, 10:20
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Der Kommissionsbericht zur Nachnutzung wirft neue Fragen auf, zum Beispiel personelle

Die Enteignung des Hitler-Geburtshauses ist das eine, die "historisch korrekte" Nachnutzung das andere. Ersteres ist beschlossene Sache, wenngleich die Debatte zum Gesetzesentwurf im Innenausschuss aus Zeitgründen verschoben wurde, und Letzteres sorgt für anhaltende Diskussionen. Denn nun liegt der Abschlussbericht der vom Innenministerium beauftragten Kommission vor und wirft weitere Fragen auf.

Etwa zu den Mitgliedern, unter denen man beispielsweise einen Vertreter aus dem Bundeskanzleramt vergeblich sucht. Warum niemand aus der Kunst-Kultur-Sektion, etwa aus dem Bereich Denkmalschutz oder Baukultur, in die Kommission berufen wurde, bleibt ein Rätsel.

Kritik an Kommission

Auf aktuelle Anfrage verweist man an das Innenministerium. Der Sprecher des Innenministers hat auch nur bedingt eine Erklärung parat. Man habe sich am "Positivansatz orientiert, also wer zur Fragestellung bezüglich der Nachnutzung etwas beitragen" könne. Um politische Winkelzüge sei es jedenfalls nicht gegangen.

Kritik kommt hier jetzt auch vom internationalen Denkmalpflege-Beirat Icomos, der das Fehlen internationaler Experten moniert, die langjährige Erfahrung im praktischen Umgang mit nationalsozialistischem Erbe vorweisen könnten. Zumal die Vertreter der Kommission die seit den späten 1960er-Jahren darüber geführte wissenschaftliche Diskussion offensichtlich ignorieren, bringt es Icomos-Präsident Wilfried Lipp in einer aktuellen Stellungnahme auf den Punkt. Die "Liquidierung belastender Zeugnisse" entspreche einer "naiven Leugnung der Erblast". Experten nennen es auch vorgestrige Verdrängungspraxis.

Denkmalschutz ausgehebelt

Lipp appelliert, "die Entscheidung über diese Angelegenheit vorläufig auszusetzen und für weitere Diskussion zu öffnen". Auch weil selbst die empfohlene "tiefgreifende architektonische Umgestaltung" de facto den "Totalverlust der historisch substanziellen Bauteile" inkludiere.

Etwaige Probleme mit dem Denkmalschutz wurden, wie der vorliegende Gesetzesentwurf zeigt, bereits aus dem Weg geräumt. Denn gemäß denkmalrechtlichen Vorgaben wären ohne Genehmigung des Bundesdenkmalamts (BDA) weder substanzielle architektonische Veränderungen noch eine Zerstörung möglich. Die Experten des BDA waren weder eingebunden, noch war ihre Meinung gewünscht. Und selbst der Denkmalbeirat, der bei der Zerstörung von unter Schutz stehenden Bauten per Gesetz gehört werden muss, steht damit auf verlorenem Posten.

Verschlüsseltes Vokabular

Tatsächlich birgt die Formulierung einer "tiefgreifenden architektonischen Umgestaltung" einen größeren Interpretationsspielraum, als Fachleuten lieb sein kann. Sie fürchten, dass der aktuell vom Innenminister neuerlich ins Spiel gebrachte und dann relativierte Abriss nur vordergründig vom Tisch ist. Man erinnere sich an die vor einem Jahr geführte Diskussion um "Türen mit Seitenteilen", ein positiv konnotiertes Vokabular, das die Errichtung von Grenzzäunen begleitete aber nicht verhinderte.

Der grüne Nationalratsabgeordnete Harald Walser folgert in einer Aussendung, dass der Innenminister entweder "des Lesens nicht kundig" sei oder "die Öffentlichkeit bewusst hinters Licht" führen würde. Denn Mitglieder der Kommission dementierten, einen Abriss befürwortet zu haben. Ganz so deutlich liest sich das in den Erläuterungen allerdings nicht, vielmehr sprach man sich gegen eine "leere Fläche anstelle eines Gebäudes" aus. Die "völlige Entfernung" sei "zwar grundsätzlich geeignet, dem Ort die ideologische Besetzung zu entziehen", doch "sollte Österreich nicht zugesonnen werden, die Geschichte des Ortes leugnen zu wollen".

Neue Fassade

Mittlerweile präzisierte Sobotka: Es gehe um eine Veränderung "der Außenform", die eine Wiedererkennung verhindern soll. Ob eine neue Fassade dem Gebäude die historische Symbolkraft entziehen kann, bezweifeln international erfahrene Experten.

Der für die Braunauer Altstadt geltende Bebauungsplan sieht zumindest theoretisch strenge Auflagen vor, praktisch soll es "etwas Triviales sein, schlicht und unbedeutend", zitieren die "Oberösterreichischen Nachrichten" Andreas Pilsl, Oberösterreichs Landespolizeidirektor und Kommissionsmitglied. Indes kündigte Sobotka einen Architektenwettbewerb an. Welche Kosten mit der Umgestaltung und der Enteignung, die eine Entschädigung der Hauseigentümerin inkludiert, insgesamt anfallen werden, ist derzeit völlig ungewiss. (Olga Kronsteiner, 19.10.2016)

  • Bis in die späten 1930er-Jahre war im Hitler-Geburtshaus der Gasthof Pommer untergebracht.
    foto: braunau history

    Bis in die späten 1930er-Jahre war im Hitler-Geburtshaus der Gasthof Pommer untergebracht.

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