Handel kämpft um mehr Geld und Urlaub

19. Oktober 2016, 05:35
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Das Feilschen um die Gehälter einer halben Million Beschäftigter im Handel beginnt. Für Zündstoff sorgt ein Stresstest der Arbeiterkammer

Wien – Die Wogen im Handel sind geglättet. Drei Monate ist es her, dass in der Hitze des Sommers die Verhandlungen über eine Reform des Kollektivvertrags platzten. Zu groß waren die Differenzen – zwei Jahre der Vorarbeit offenbar vergebens. Nach einer Abkühlphase signalisieren die Sozialpartner nun wieder konstruktive Zusammenarbeit, wann und ob sie sich überhaupt auf neue Gehaltstafeln einigen, ist jedoch fraglich. Zumal dieser Tage das nächste, wenn auch einkalkulierte Gewitter aufzieht.

Am Mittwoch startet das Feilschen um Gehälter und Löhne für 2017. Anfang November sollen die 533.000 Mitarbeiter der Branche – 286.000 unter ihnen sind im Einzelhandel beschäftigt – über ihr künftiges Einkommen Gewissheit haben. So weit der Plan. Noch jedoch ist von möglichen gemeinsamen Nennern nichts zu sehen.

1.700 Euro Mindestlohn

Franz Georg Brantner und Anita Palkovich, Chefverhandler der Arbeitnehmer, peilen ein Brutto-Mindesteinkommen von 1.700 Euro an. Ausgehend von derzeit 1.523 Euro, soll der Weg dorthin "in großen Schritten" bewältigt werden.

Auf dem Tisch liegt die Forderung nach einer sechsten Urlaubswoche nach 25 Dienstjahren auch bei Arbeitgeberwechsel. Zudem sollen die Betriebe die Kosten für Berufsschulinternate der Lehrlinge übernehmen. Und die Gewerkschaft will einen Rechtsanspruch auf den Papamonat. Im Einzelhandel ist zwar nur jeder fünfte Mitarbeiter ein Mann, "aber wir wollen Vorbild sein", sagt Brantner.

Palkovich sieht im Handel ausreichend finanzielle Reserven. Bestätigung dafür sei eine Studie der Arbeiterkammer, die mehr als 200 Jahresabschlüsse auf Umsatz, Gewinn, Eigenkapital und Liquidität durchleuchtete. Dieser Stresstest zeige, wie krisenfest und stabil die Branche sei, resümiert Palkovich. Die Ebit-Quote etwa sei im Vorjahr von 1,5 auf 1,9 Prozent gestiegen.

Entscheidend für sie dabei ist: Der Personalaufwand belaufe sich in Summe auf nur 13 Prozent der Gesamtkosten der Händler, während der Wareneinsatz 70 Prozent davon verschlinge. Erhöhten sich die Kosten für die Mitarbeiter um fünf Prozent, schlage das im Gegensatz zu höheren Einkaufspreisen nur unwesentlich auf andere ökonomische Kennziffern durch.

Handelsverband spricht von Irreführung

Stephan Mayer-Heinisch, Präsident des Handelsverbands, hält den Stresstest der Arbeiterkammer für nicht haltbar. Irreführend, da beliebig herausgegriffen, teilweise offenkundig falsch seien die Bilanzzahlen, mit denen hier operiert werde, sagt er. Bei Konzernen mit Firmenzentralen in Deutschland etwa sagten hohe österreichische Eigenkapitalquoten isoliert wenig aus. Etliche in der Krise steckende Unternehmen seien hingegen ausgespart worden.

Ein verfälschtes Bild ergibt sich für ihn auch deshalb, da Großhandel, Kfz-Handel und Einzelhandel über einen Kamm geschert würden. "Es sind drei völlig verschiedene Welten, über die nicht ein und dasselbe System gestülpt werden kann." Es gelte, gemeinsam darüber nachzudenken, ob das auf Dauer mit einem einzigen Kollektivvertragsschema vereinbar sei.

Offensichtlich sei, dass der stationäre Einzelhandel bei entscheidenden Kennzahlen schlechter bilanziere als der restliche Handel. Und was einen Überschuss von zwei Prozent für die Branche betrifft, so reiche ein schlechter Monat aus – und der Gewinn sei weg.

"Zahlen schönrechnen"

Die Rechnung der Arbeiterkammer, wonach Personalkosten des Handels nur einen geringen Teil der Gesamtaufwendungen ausmachen, hat für Mayer-Heinisch mit der Realität nichts zu tun. "Wer so was behauptet, rechnet sich Zahlen schön oder hat keine Ahnung." Ein Anteil von zwölf Prozent finde sich höchstens bei einigen wenigen Diskontern, die stärker auf Selbstbedienung setzten. Bei beratungsintensiven Betrieben sorgten Mitarbeiter jedoch für weit-aus mehr ein Fünftel der Kosten.

Für Mayer-Heinisch hat Österreichs Einzelhandel seit Jahren nichts mehr zu verteilen. Jede zusätzliche Kostenposition – ob Papamonat oder sechste Urlaubswoche – belaste und verstärke den Kaufkraftabfluss. Die Zeit, in der stationäre Geschäfte nicht flüchten konnten, sei vorbei. "Der Handel hat gelernt zu gehen." (Verena Kainrath, 19.10.2016)

  • 1.523 Euro brutto beträgt derzeit das Mindestgehalt für Verkäufer. Die Gewerkschaft will 1.700 Euro. Auf den Papamonat soll es einen Rechtsanspruch geben, nach 25 Dienstjahren eine sechste Urlaubswoche. Die Arbeitgeber sehen sich dazu außerstande.
    foto: apa

    1.523 Euro brutto beträgt derzeit das Mindestgehalt für Verkäufer. Die Gewerkschaft will 1.700 Euro. Auf den Papamonat soll es einen Rechtsanspruch geben, nach 25 Dienstjahren eine sechste Urlaubswoche. Die Arbeitgeber sehen sich dazu außerstande.

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