Puppentheater: "Man wird ein bisschen schizophren"

18. Oktober 2016, 17:24
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Das Figurentheater befindet sich seit einigen Jahren im Aufwind. Nur die Ausbildung hinkt nach, weiß Cordula Nossek. Die von ihr geleiteten Internationalen Puppentheatertage Mistelbach starten am Freitag. Mit dabei: ein "Star Wars"-Schattentheater aus Malaysia

Mistelbach – Opern finden im Kühlschrank statt ("Opera Frigo"), Musicals gar in der Damenhandtasche ("Kopfüber – Kopfunter"). Das Puppen- und Figurentheater bescheidet sich oft mit kleinem Raum. Und deshalb muss man werbetechnisch ein wenig klotzen: "Wir erwarten heuer den viertelmillionsten Zuseher". Diesen Slogan hat sich Cordula Nossek für ihre Internationalen Puppentheatertage in Mistelbach woanders abgeschaut. Die Intendantin will das Erscheinungsbild des seit 1979 jährlich ausgetragenen Festivals aufmöbeln.

Dass sie von manchen als "Kasperlspielerin" bezeichnet wird, führt die 1966 in Schwerin geborene Absolventin der Ernst-Busch-Schule Berlin auf den Fernsehkasperl zurück, die einzige österreichische Tradition des Puppentheaters. Dabei sollte sich der ORF, der uralte Folgen ausstrahlt, dringend ansehen, was es im Land heute sonst noch gibt, findet sie.

Am Freitag eröffnet Nossek im Rahmen einer Gala die 38. Ausgabe des Festivals, das sie seit 2011 leitet. Was ist nun der Unterschied zwischen Puppen- und Figurentheater? Keiner. Allerdings, so Nossek, haben die beiden großen deutschen Ausbildungszentren in Stuttgart und Berlin je eine West- und Ostdiktion geprägt. Der Osten habe sich nie gescheut, Puppentheater zu sagen, und dabei blieb Nossek auch. Derzeit komme die Busch-Schule mit den Absolventen gar nicht hinterher, so sehr werden Puppenspieler von Stadttheatern verlangt, sagt Nossek.

In Österreich fehlt eine Ausbildungsstätte gänzlich, aber das benachbarte östliche Ausland, zu dem Nossek von Mistelbach aus engen Kontakt hält, bietet mit Prag, Białystok (Polen) und Budapest erstklassige Puppentheaterzentren. Der Standort Mistelbach wurde 1979 festgelegt, als die Unima (Union Internationale de la Marionnette) einen Austragungsort für ihre 50-Jahr-Feier suchte. Seither ließen ein paar Kulturamtsleiter nicht mehr locker.

Erst seit Nikolaus Habjan mit seinen berückenden Klappmaulpuppen den Anschluss an Stadttheaterbühnen erfolgreich praktiziert, wird Puppentheaterkunst von einer breiteren Öffentlichkeit in Österreich wahrgenommen. Die Sparte hat sich bis auf wenige Bühnen wie das Kabinetttheater in der Wiener Porzellangasse auf Festivalformate zurückgezogen. Und von denen gibt es gar nicht so wenige: das Homunculus Hohenems, die Puppille in Gleisdorf, das Figurentheaterfestival Wels, das Panoptikum in Neusiedl am See, das IFF im Kosmostheater oder das CiklCakl nahe Bleiburg.

Als Puppenspieler bedient man zwei Körper, den eigenen und den der Puppe. "Man wird mit der Zeit ein bisschen schizophren", erklärt Nossek. Sie persönlich bevorzugt das Objekttheater. Schon ein gewöhnlicher USB-Stick kann auf der Bühne zur Entfesselung taugen. Von Klappmaulpuppen, Faden- und Stabmarionetten bis zu Socken- oder Bunraku-Puppen (Vier-Fünftel-Lebensgröße) reicht das Spektrum des Figurentheaters.

Ein malaysisches Schattentheater gehört zu den Höhepunkten des diesjährigen Programms. Mit "Brahman Kakasari" und "Peperangan Bintang" feiert die Gruppe Fusion Wayang Kulit aus Kuala Lumpur zwei Europapremieren. Sie schließen eine alte Königsgeschichte mit "Star Wars" kurz. Sankala Vedeh, besser bekannt als Darth Vader, wird auf seiner Verfolgungsjagd von einem Gamelanorchester sowie Laptopmusik begleitet. "Auch 'Star Wars' ist nichts anderes als großes Puppentheater", so Nossek.

Mit 160.000 Euro, die Cordula Nossek in Summe in einem Jahr zur Verfügung hat, können keine eigenen Arbeiten produziert, sondern nur Gastspiele gezeigt werden. 24 Inszenierungen aus zwölf Ländern sind es heuer, für alle Altersstufen. Zum diesjährigen Motto "Magische Orte" passt besonders gut "The House", eine Arbeit des dänisch-spanischen Sofie Krog Teater, in dem ein Haus von seiner Vergangenheit und den dazugehörigen Protagonisten erzählt. Nicht weniger Gruseliges hält die tschechische Formation Buchty a loutky mit "Der weiße Hai Reloaded" bereit sowie die Berliner Kompanie Handmaids mit "Der Dracula Komplex". Den Anfang macht am Samstag "Jean-Paul Sartre: The Wall" von Puppenspielstudierenden der Uni Bratislava. (Margarete Affenzeller, 18.10.2016)

21. bis 26. Oktober, verschiedene Spielstätten

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Puppentheatertage

  • Unartiger als die Fleischerhund: Tony und Bruno aus dem Comedy-Thriller "The House" des Sofie Krog Teater.
    foto: sofie krog teater / puppentheatertage mistelbach

    Unartiger als die Fleischerhund: Tony und Bruno aus dem Comedy-Thriller "The House" des Sofie Krog Teater.

  • Cordula Nossek leitet die Internationalen Puppentheatertage.
    foto: privat

    Cordula Nossek leitet die Internationalen Puppentheatertage.

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