Die Jihadisten Helmut Z. und Friedrich P.

Kolumne18. Oktober 2016, 17:02
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Totalitäre Ideologien wie der Islamismus, aber auch der Rechtsextremismus haben hohes Verführungspotenzial für anfällige junge Männer

Der schwarzgelockte 17-Jährige stand wie so viele Jugendliche unter dem Gruppendruck, sich an etwas Großem, Gefährlichen, auf perverse Weise auch Sinnstiftendem zu beteiligen. So hätte er sich um ein Haar von einer organisierten Mörderbande anwerben lassen – wenn sein Vater ihm das nicht verboten hätte.

Der 17-Jährige aus dem Arbeiterhaushalt in der Provinz hingegen meldete sich ungehindert zur selben organisierten Mörderbande. Die richtete in einem fremden Land schreckliche Blutbäder unter Zivilisten an – daran wollte der junge Mann später nicht beteiligt gewesen sein, ja nicht einmal etwas davon gewusst haben.

Die beiden hätten perfekt in die Studie über von der Radikalisierung bedrohte islamische Jugendliche in Wien gepasst, die jetzt so viel Aufsehen erregt. Auch sie wollten in eine Art Jihad ziehen – in den "Überlebenskampf des deutschen Volkes". Der eine, Helmut Zilk, wäre beinahe der SS beigetreten und entging der Verstrickung in schwerste Verbrechen nur durch die Intervention seines Vaters. Der andere, Friedrich Peter, meldete sich bei einer SS-Einheit, die in der Sowjetunion systematische Massenerschießungen an Juden durchführte. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass er an diesen Verbrechen nicht beteiligt war. Beide haben letztlich Karriere als Politiker gemacht. Zilk wurde Wiener Bürgermeister, Peter Obmann der FPÖ und 1970 Geburtshelfer von Bruno Kreiskys Kanzlerschaft.

Es waren tausende, zehntausende begeisterte männliche Jugendliche, die sich im Nationalsozialismus zur "Eliteeinheit" meldeten. Ihre Motive waren dieselben, wie sie der deutsche Radikalismusexperte am Londoner King's College, Peter R. Neumann, für die Jugendlichen nennt, die sich vom "Islamischen Staat" anwerben lassen: Suche nach "Struktur, Orientierung, Gemeinschaft, einem Sinn".

Denen geht es laut Neumann um eine "Protestideologie, einen Gegenentwurf zur westlichen Gesellschaft". Genau darum ging es auch den jungen Nazis vor 75 Jahren. Rabiater Antisemitismus und Homophobie hatten denselben hohen Stellenwert bei den SSlern wie bei den Islamisten. Die jungen Jihadisten von heute leben im Unterschied zu den SS-Freiwilligen von damals zwar in einer demokratischen, liberalen Gesellschaft – aber in Wahrheit befinden sie sich in ihrer eigenen, abgeschlossenen und abgeschotteten Welt und blenden alles aus, was ihrer speziellen "Realität" widerspricht. Auch die jungen SS-Rekruten sahen in der Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation die Chance, ein aufregendes Leben zu führen. Viele allerdings, wie die Jihadisten heute, hatten bewusst/unbewusst auch schon den ehrenvollen Tod eingeplant.

Soll heißen: Es gibt Konstanten im Verhalten von jungen Männern mit Tendenz zur Frustration und Fanatisierung. Für sie sind Gewalt und Tod attraktiv. Totalitäre Ideologien wie der Islamismus, aber auch der Rechtsextremismus haben hohes Verführungspotenzial für anfällige junge Männer. Der 18-jährige Heinz-Christian Strache hatte nur Glück, dass er in seiner Wehrsportgruppe nicht zu Attentaten angestiftet wurde. (Hans Rauscher, 18.10.2016)

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