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Reportage19. Oktober 2016, 14:50

Beinahe zärtlich reichte der ältere Mann die Flasche Bier an die Frau seines Herzens weiter, die, wie er selbst, einen blau-weißen Schal um den Hals gewickelt trug. Einträchtig zuckelten die beiden dahin an diesem herbstlichen Spätnachmittag auf der Castroper Straße in Bochum, hinaus zum VfL.

Das Match der neunten Runde in der zweiten deutschen Bundesliga zwischen Bochum und dem SV Sandhausen ist lange nicht anzuschauen. Beide Mannschaften kommen kaum ins Spiel. Die Gäste warten auf Konter, die Hausherren machen in der Vorwärtsbewegung einen Fehler nach dem anderen. Nach einer halben Stunde gehen die Sandhäuser in Führung.

Der Verein ist für die Stadt von enormer Bedeutung, auch in der Außenwahrnehmung, wenngleich das vielleicht nicht immer jedem gleich einsichtig ist, sagt Autor und Bochum-Intimus Ben Redelings. Letzteres ist nicht verwunderlich, denn der VfL hat noch nie etwas gewonnen – und die Chancen stehen gut, dass das auch in Zukunft so bleiben wird.

Eine Niederlage als Jahrhundertspiel.

Es dürfte prägend sein, dass man nicht uneingeschränkt stolz sein kann auf so einen Klub. Dass man nicht zurückblicken kann auf eine glanzvolle Historie, auf Erfolgsmomente, bei denen man selbst dabei gewesen ist, ja, dass nicht einmal Vater oder Opa von solchen erzählen können. Und weil das so ist, erkoren die Fans ein 5:6 gegen Bayern München aus dem Jahr 1976 zum "Jahrhundertspiel", als ihr VfL eine 4:0-Führung aus der Hand gegeben hatte und nach einem Tor von Uli Hoeneß in letzter Minute doch noch als Verlierer dastand. Man könne sich das doch kaum vorstellen, meint Redelings, dass es irgendwo auf der Welt einen Verein gibt, der eine Niederlage als Höhepunkt herausstellt.

Konstanz statt Risiko

Dass Bochum nicht erfolgreich ist, heißt das aber, der Titellosigkeit zum Trotz, noch lange nicht. Man muss nur etwas genauer hinsehen. Immerhin hielt sich der kleine Verein seit dem Aufstieg 1971 bis 1993 ununterbrochen in der ertsten Bundesliga, man nannte sie die Unabsteigbaren. Seit 45 Jahren ist der VfL immer erst- oder zweitklassig gewesen – eine Zeitspanne, in der so mancher Traditionsverein in mehr als eine Krise geschlittert oder überhaupt von der Bildfläche verschwunden ist. Dass Bochum dieses Schicksal erspart blieb, dafür standen auch zwei herausragenden Führungsfiguren, die Langzeitpräsidenten Ottokar Wüst (1967–1993) und Werner Altegoer (1993–2003, Aufsichtsratsvorsitzender bis 2010). Auch nach ihrem Abgang zeichneten sich die Verantwortlichen durch eine ruhige Hand aus.

benredelings
Auf den legendären Winterbällen des VfL streifte Bochum ein Hauch der weiten Welt.

Wüst und Altegoer etablierten eine Mentalität handfester Solidität. Den beiden lokalen Geschäftsleuten war ein Spiel mit dem Feuer völlig fremd, sie waren insofern ganz anders gestrickt als so mancher Millionenjongleur in Dortmund oder bei Schalke. Typisch Bochum, meint Redelings: "In allem, was wir tun, sind wir gesundes Mittelmaß. Doch man kann das auch schätzen, wenn man das möchte." Wüst, Inhaber eines Herrenbekleidungsgeschäfts in der Brückstraße, hatte immerhin ein bisschen Sinn für Eleganz. Er etablierte die mittlerweile legendären Winterbälle des VfL, denen Größen wie Caterina Valente und Udo Jürgens Glanz verliehen. Altegoer dagegen war eher ein Patriarch von altem Schrot und Korn – mit allen Schattenseiten: Beratungsresistent ließ er neben sich niemanden aufkommen, wer nach Macht strebte, wurde rasiert.

Der VfL entstand 1938 durch die Fusion der SV Germania, des TuS Bochum sowie des Turnvereins zu Bochum. Pate standen die Nationalsozialisten, deren Reichsfachamt Fußball auf die Schaffung von Großvereinen drängte. Eine Folge dieser erzwungenen Flurbereinigung war, dass dem VfL im Stadtgebiet nie mehr ein Lokalrivale erwachsen sollte. Er war kein typischer Zechenverein, seine Mitgliederschaft speiste sich eher aus aus bürgerlichem Milieu und der katholischen Arbeiterschaft.

Wenn es darauf ankommt, rückt man zusammen.

Kommune und Verein überlappten sich stark, bis heute. VfL-Anhänger sind in ihrer übergroßen Zahl Bochumer, laut einer vor einigen Jahren durchgeführten Umfrage kommen 80 Prozent direkt aus der Stadt, zehn Prozent aus der nächsten Umgebung. Der Rest sind ein paar Versprengte. Dadurch erwuchs allerdings nicht allein eine außergewöhnlich enge Verbindung, sondern auch ebensolche Grenzen des Wachstums. Die Fanbasis ist und bleibt beschränkt, mehr als die 12.000 bis 17.000, die ohnehin immer kommen, konnte Bochum nie motivierend.

Solidarisch, familiär

Der VfL ist immer noch ein sehr familiärer Klub. Das hat Charme und unterscheidet ihn auch von den großen Nachbarn in Dortmund und Gelsenkirchen. Wenn es hart auf hart kommt, arbeiten alle miteinander. Wenn es dem Verein dreckig gehe, könne man auf einmal Hinz und Kunz aktivieren, weiß Redelings, der gerade mit seinem Fußballprogramm "Als die Axt den Toaster warf" auf Deutschland-Tournee weilt. Da seien dann alle da, wie es in einer guten Familie auch sein soll. Es gebe auch Streit, klar, aber wenn es darauf ankommt, rücke man doch zusammen.

Die Solidarität inkludiert auch die Kommune, die viel für den VfL tut. Direkt, oder indirekt über die Stadtwerke, die jahrelang Namenssponsor des Stadions waren. Vonovia, der aktuelle Geldgeber, hat dagegen nicht den besten Ruf. Dem Unternehmen, der größten Wohungsgesellschaft Deutschlands, wird vorgeworfen, Interessen von Mietern ausgeprägtem Gewinnstreben unterzuordnen und seine etwa 400.000 Wohnungen nur mangelhaft instand zu halten.

foto: michael robausch
Das Ruhrstadion an der Castroper Straße. Seit über 100 Jahren wird hier Fußball gespielt.

Familiär wirkt auch Bochum selbst, eine Stadt von immerhin noch 370.000 Einwohnern, in der man den Eindruck hat, dass jeder jeden kennt – und wenn nicht direkt, sagt Redelings, so doch über ein zwei Kontakte hinweg. Ein überschaubares, unauffälliges Zentrum beginnt rasch in – tatsächlich! – grüne Hügel auszufasern. Schließlich hatte bis 1870 ein kommunaler Kuhhirte das Vieh der Bürger auf die Weide geführt. Fritz Kortebusch hieß er, neben dem Planetarium hat man ihm ein Denkmal gesetzt.

Hierarchien sind nicht so stark ausgeprägt wie anderswo, keiner hält sich für etwas Besseres.

Es gibt hier kein Oben und Unten, sagt Henry Wahlig. Hierarchien sind nicht so stark ausgeprägt wie anderswo, keiner hält sich für etwas Besseres. Wahlig ist Sporthistoriker, Bochumer und selbstverständlich Anhänger des VfL. Die Menschen der Region beschreibt er als offen, auch gegenüber anderen Kulturen. Auch als Fremder komme man schnell ins Gespräch. Dieser Charakterzug, das Vergnügen an der Interaktion, ergänzt sich wunderbar mit der Liebe zum Spiel mit dem runden Leder. Denn was wäre besser geeignet, die Menschen zusammenzubringen, als Fußball? Nirgendwo ist er so sehr Teil der Alltagskultur geworden wie im Ruhrgebiet.

22 Leichtathleten beackern das Spielfeld im Ruhrstadion. Krachende Zweikämpfe, nach denen man sich schüttelt und einfach weitermacht. Sandhausen reicht eine gewisse Kompaktheit, um den ersatzgeschwächten VfL in Schach zu halten. Immer wieder verliert dieser in der Defensive die Ordnung. Nach 55 Minuten fällt das 0:2, ein trostloser Abend scheint gewiss.

Den sogenannten Strukturwandel hat die Kohlestadt Bochum vergleichsweise früh eingeleitet. In den 1960er-Jahren wurde die Ruhr-Universität gegründet, die heute unter den fünf größten Hochschulen Deutschlands rangiert. Opel, an dessen Werk in den Hochzeiten zehntausende Arbeitsplätze hingen, und Nokia erschienen als eine Zukunft, die heute auch schon wieder vorbei ist. Bundesweite Ausstrahlung hatte das Schauspielhaus Bochum unter prägenden Intendantenfiguren wie Peter Zadek und Claus Peymann, das größte Bergbaumuseum Europas erinnert an vergangene Zeiten. Und es gibt den "Starlight Express", das angeblich erfolgreichste Musical der Welt, seit 28 Jahren ununterbrochen aufgeführt in einem eigens errichteten Theater. Nicht umsonst nennt man Bochum auch den "Kulturbeutel des Reviers".

Heimat Ruhrstadion

Dass dessen Einwohner auch eine Gemeinschaft sind, die sich vorrangig von Wurst in allen möglichen Zubereitungsarten ernährt, dieser Eindruck verfestigt sich rund um das Ruhrstadion des VfL, wo man nach viertelstündigem Spaziergang die Castroper herauf anlangt. Es wird umfangen von einer Dunstglocke aus Grillaromen, die womöglich noch in die Zellen der Justizvollzugsanstalt hinüberziehen, einer martialischen Zitadelle schräg gegenüber.

Seit 105 Jahren spielt der VfL hier und verfügt damit über einen der traditionsreichsten Home Grounds Fußballdeutschlands, nur jener von Greuther Fürth ist älter. Die Tribünenkonstruktion des Ruhrstadions schiebt sich scharf konturiert ins Straßenbild, ein ausgemergelter Ochse mit Rippen aus Beton. 1979, am Ende der Umbauarbeiten, war es eines der modernsten des Landes und fasste fast 50.000 Zuschauer. Später sank die Kapazität sukzessive bis auf 29.299 Plätze, auf gut der Hälfte davon darf gestanden werden. Vier klassische Flutlichtmasten ragen auf, anders als bei vielen modernen Arenen, hermetisch abgeschlossen und mit der Anmut überdimensionierter Kloschüsseln gesegnet, ist auch von außerhalb ganz eindeutig erfahrbar: An diesem Identifikationsort fast mitten in der Stadt geht es um Fußball.

Kein Fiege-Pils mehr? Nie und nimmer!

Nur drei Konstanten, sagt Historiker Wahlig, gibt es im Leben der Menschen im Ruhrgebiet: Arbeit, Migration und Fußball. Immer wieder musste sich die Region neu erfinden. Was Wunder, dass es ein Bedürfnis nach Beständigkeit gibt. Zumindest ein paar Dinge sollen so bleiben, wie sie immer waren. Guter Fußball schadet nicht, aber das ist nicht die Hauptsache, warum man zum VfL geht. Bei Schalke und dem BVB bekommt man weichgespülte Show, hier, findet Wahlig, ist es noch echter. "Man trifft Leute, man ist zu Hause."

Ein Aufstand drohte, als ein Wechsel der im Stadion ausgeschenkten Biermarke im Raum stand. Der Verkauf eines jeden Spielers wäre akzeptiert worden, es hat ja ohnehin Tradition, dass der VfL jedes Jahr seine Besten ziehen lassen muss. Im Sommer verlor der Verein seine gesamte Offensive, darunter Shootingstar Onur Bulut und Schützenkönig Simon Terodde. Aber kein Fiege-Pils mehr? Nie und nimmer! Zum Glück ging dieser Kelch an den Bochumern vorbei, und das lokale Gebräu rinnt weiterhin aus den Zapfsäulen des Ruhrstadions. Es ist so gut wie ausschließlich in der "Blume des Reviers" (Herbert Grönemeyer) erhältlich, vielleicht noch in Wattenscheid – aber schon in Duisburg musste Horst Schimanski seine häufigen Momente der Desillusionierung in anderem Gesöff ertränken.

foto: bongarts/getty images/starke
An Trainer Marcel Koller erinnert man sich in Bochum mit gemischten Gefühlen. Der Schweizer hielt den VfL zwischen 2005 und 2009 zwar drei Saisonen lang in der ersten Bundesliga – doch beliebt war er nicht. Als es nicht mehr so lief, hielt er stur an seinem Stamm fest und kämpfte am Ende auch gegen den eigenen Anhang.

Es gab die Scheidewege, wo es hätte klappen können mit dem Eintritt in die große Fußballwelt. Vielleicht mit dem neuen Stadion, als Präsident Wüst große Zeiten hatte anbrechen sehen. Vielleicht 1988, als man im Pokalfinale gegen Frankfurt stand und ein Abseitstor fälschlicherweise aberkannt wurde. Der VfL verlor 0:1, die Eintracht blühte nach ihrem Sieg auf. 2008 habe es unter Sportchef Stefan Kuntz womöglich die letzte Chance gegeben, in der Bundesliga noch einmal anzugreifen, so Wahlig. "Doch dieser Zug ist abgefahren." Sein Pessimismus scheint nicht unbegründet: Hatte der VfL zuvor nach jedem Abstieg den sofortigen Wiederaufstieg geschafft, fristet er nach dem letzten Absacken 2010 nun schon das siebente Jahr hintereinander in der Zweitklassigkeit.

Wer heraussticht, ist der Trainer. Gertjan Verbeek, ein Niederländer mit wüster Matte und lautem Organ.

Und doch: Bochum steht, wie meistens, ganz ordentlich da. Mit Christian Hochstätter gibt es nach Jahren wieder einen Manager, der vermittelt: Wir kriegen das hin. Finanzvorstand Wilken Engelbracht hat den Verein in kurzer Zeit sehr gut aufgestellt. Der VfL besinnt sich auf seine Wurzeln, setzt Initiativen. Man zeigt in der Stadt durch Poster und Flaggen Präsenz, ist bemüht, die Großfamilie an Bord zu halten (oder wieder zurückzuholen). Es ist ein realistischer Weg, um seinen Platz zu finden.

Die Mannschaft wird trainiert von Gertjan Verbeek, einem Niederländer mit wüster Matte und lautem Organ. Der 54-Jährige ist das, was man einen Typ nennt. Seine Vorstellungen vertritt Verbeek kompromisslos, am Rande der Grobheit. Alles muss bis ins kleinste Detail laufen, wie er es will. Damit macht man sich nicht nur Freunde. Mit Vorliebe legt sich Verbeek mit Journalisten an, die "Bild" belegte er mit einem Boykott. Sein Team soll dominanten Fußball spielen und selbstbewusst den Sieg anstreben. Das kommt an, auch wenn es beileibe nicht immer gelingt.

Nach einer Stunde macht Marco Knaller, der österreichische Keeper im Sandhäuser Goal, den Flankensepp, Tim Hoogland verkürzt für die bis dahin hilflosen Bochumer auf 1:2. Weniger als eine Minute später fällt der Ausgleich. Das ist Fußball. Für den VfL, der zum dritten Mal hintereinander unbesiegt bleibt, ist das Remis nach diesem Spielverlauf ohne Zweifel die beste aller Welten.

Und so strebten die Bochumer ihrer Stadt zu, aufgeräumt plaudernd, an diesem frischen Abend. Hügelab, die für die Fußgänger freigesperrte Castroper herunter, an der mit einer christlichen Kirche, einer Moschee, einer Synagoge und dem Ruhrstadion gleich vier Weltreligionen vertreten sind. (Michael Robausch, 19.10. 2016)

Literaturtipp

Henry Wahlig
"Anne Castroper" – Ein Jahrhundert Fußball mitten in Bochum

Verlag Die Werkstatt 2011