Gesundheitsbarometer: Ärztekammer alarmiert

18. Oktober 2016, 16:54
68 Postings

Im Gesundheitsbarometer der Wiener Ärztekammer geben 41 Prozent der Befragten an, das Gesundheitssystem laufe in die falsche Richtung. Die Medizinervertretung sieht dies als eine Bestätigung ihres Kurses und ihrer Proteste im Herbst

Wien – Es sei ein klares "Alarmsignal", sagt Meinungsforscher Peter Hajek am Dienstag bei der Präsentation des Gesundheitsbarometers 2016. Bei der von der Wiener Ärztekammer beauftragten Befragung von 1.000 Österreichern ab 16 Jahren gaben 41 Prozent an, das Gesundheitssystem bewege sich in die falsche Richtung. "Wir fühlen uns bestätigt", sagt der Wiener Ärztekammer-Vizepräsident Johannes Steinhart. Das Misstrauen der Befragten zeige, dass "eine große Kluft zwischen dem, was die Politik denkt, und dem, was die Patienten denken", liege. Trotzdem gaben 46 Prozent an, eine richtige Richtung zu erkennen, 13 Prozent konnten sich nicht festlegen.

Durchgeführt wurde die Studie von 20. September bis 4. Oktober. Die telefonische Befragung startete also rund eine Woche nach dem Wiener Ärztestreik. Zu den Protestmaßnahmen stehen die Österreicher sehr positiv. 45 Prozent gaben an, die Sorgen der Ärzte sehr zu teilen, weitere 27 tun dies eher. 18 Prozent hingegen zeigten kein Verständnis. In Wien selbst (hier wurden 200 Personen befragt) fällt die Zustimmung noch etwas deutlicher aus: 53 Prozent der Wiener stimmen den Ärzten sehr zu, 22 eher.

Streit mit Stadt Wien

Die Wiener Spitalsärzte hatten gegen die Streichung von Nachtdiensten und eine Kürzung der Dienste auf 12,5 Stunden protestiert. Die Krankenhäuser liefen in der Zeit auf Notbetrieb. Der Krankenanstaltenverbund hatte daraufhin Listen an die Dienststellen in den Spitälern versandt, um die abwesenden Ärzte am Streiktag erfassen zu lassen. Die Stadt Wien wolle mit dieser Maßnahme das Gehalt von Ärzten, die während der Arbeitszeit am Streik teilgenommen haben, zurückfordern. Derzeit laufen weiterhin Verhandlungen mit der Stadt.

"Wir hatten erst Bedenken, ob die Patienten unseren Protest verstehen", erklärt Steinhart. Wenig überraschend ist die Zustimmung der Befragten zu "zugespitzten Forderungen" der Ärztekammer. So wollen auch sie, dass die Krankenkassen "viel mehr Leistungen" bei Prävention und Vorsorge übernehmen (82 Prozent). Auch der Ruf nach zusätzlichen Fachärzten (72 Prozent) und praktischen Ärzten (70 Prozent) wird von einem Großteil mitgetragen. Die Ärztekammer fordert seit vielen Jahren bereits die Aufstockung von zusätzlichen 1.400 Kassenärzten, 300 davon für Wien.

95 Prozent wollen Hausarzt

Gar "nordkoreanische Zustimmung" erhält die Forderung nach dem Erhalt der Hausärzte, sagt Hajek: 95 Prozent sind dafür. "Der Hausarzt ist die Basis im Gesundheitssystem", betont Steinhart: "Das ist ein massives Abmahnen jener, die den Hausarzt als Auslaufmodell sehen."

Der Mediziner spielt damit auf die von der Stadt Wien geplanten Erstversorgungszentren an. Diese sollen künftig die klassische Ordination des Hausarztes teilweise ersetzen. Wiens Gesundheitstadrätin Sonja Wehsely entgegnet: "Das Hausarztsystem soll nicht abgeschafft, sondern weiterentwickelt und gestärkt werden." In den Zentren sollen mehrere Ärzte zusammenarbeiten und ein erweitertes Leistungsspektrum anbieten. "Sie bilden Kooperationen mit anderen Gesundheitsberufen und haben auch länger geöffnet."

Das Fazit der Studie ist für die Ärzte klar: Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) solle einen institutionenübergreifenden Gesundheitsgipfel einberufen. Dort soll über die Zukunft der Versorgung, aber auch der Ausbildung neuer Ärzte gesprochen werden. Die Kammer will hier eine wichtige Rolle spielen. Schließlich würden 56 Prozent angeben, auf die Meinung der Ärzte würde zu wenig gehört. "Dass man auf die ärztliche Expertise verzichtet, geht nur im österreichischen Gesundheitssystem", meint Steinhart. (Oona Kroisleitner, 18.10.2016)

  • Artikelbild
    grafik: der standard, foto: apa, quelle: ärztekammer
Share if you care.