Flüchtlinge: Ungewissheit bei den Kindern von Calais

18. Oktober 2016, 16:57
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Ein Gericht hat die Räumung des "Dschungels" genehmigt. Ungelöst bleibt die Frage der mehr als tausend Minderjährigen

Das Verwaltungsgericht der nordfranzösischen Stadt Lille lehnte am Dienstag einen Eilantrag von elf Hilfswerken gegen die Schließung des Flüchtlingslagers in Calais ab. Nicht das Vorgehen der Regierung sei unmenschlich, sondern die entwürdigende Lage der Menschen in dem wilden Dünen-Camp, hieß es in der Begründung.

Mit dem Gerichtsentscheid startet der Countdown: Pariser Medien zufolge könnte Innenminister Bernard Cazeneuve den Startschuss für die ersten Abtransporte schon am Montag erteilen, um danach die Bagger auffahren zu lassen. 60 Busse à 50 Sitzplätze sollen die ersten Migranten und Flüchtlinge in die Aufnahmezentren in allen Départements Frankreichs bringen. In einzelnen Orten gibt es allerdings Widerstand. Der rechtsextreme Front National versucht Bürgermeister in einem "Antimigrantenverein" zusammenzuschließen; konservative Politiker warnen vor mehreren "Mini-Calais" im ganzen Land.

Rückkehr in den "Dschungel"

Im "Dschungel", wie das östlich von Calais gelegene Zeltlager auch abschätzig genannt wird, gibt es ebenfalls Gegenwehr: Die meisten Bewohner wollen weiterhin lieber nach Großbritannien, weil sie Englisch sprechen oder dort Familie haben und leichter Arbeit zu finden hoffen. Die Hilfsorganisationen – die das Vorgehen der Regierung generell als unüberlegt kritisieren – zweifeln, ob die Migranten in einem der 160 Aufnahmezentren bleiben werden, wo sie einen Asylantrag stellen können; die meisten könnten mit der Zeit nach Calais zurückkehren, um es erneut zu versuchen.

Die minderjährigen Bewohner des Flüchtlingslagers können nach der französischen Gesetzgebung nicht mit Erwachsenen in Asylzentren untergebracht werden. Zuständig sind Sozial- und Waisendienste in den einzelnen Départements Frankreichs, doch diese sind bereits jetzt schon oft überfordert.

Unter "unwürdigen Bedingungen"

Eine neue Zählung des französischen Hilfswerks Terre d'Asile schätzt die Zahl der in Calais lebenden Kinder und Jugendlichen auf 1.290 bei einer Gesamtzahl von rund 10.000 Flüchtlingen. Noch im August waren 865 "isolierte Minderjährige" – so der Behördenjargon – gezählt worden. Klar ist nur, dass sie in dem riesigen Lagerlabyrinth unter "unwürdigen, unhygienischen und gefährlichen Bedingungen" leben, wie das UN-Kinderhilfswerk Unicef festgehalten hat.

Und klar ist auch, dass sie ebenfalls mehrheitlich nach England wollen. London hat sich in einem Abkommen mit Paris bereiterklärt, elternlose Jugendliche aufzunehmen, wenn sie in England über Angehörige verfügen. Britische und französische Beamte vernehmen sie derzeit vor Ort. Verlangt wird dabei eine Telefonnummer in England, mit der per Anruf die Existenz von Eltern, Tanten und Onkeln geprüft wird. Hinter einzelnen Nummern sollen sich allerdings Schlepper verbergen, die eine letzte Tranche der Bezahlung erwarten.

"Moralische Pflicht" Londons

Doch die britische Regierung will nicht mehr sämtliche Minderjährige aus Calais aufnehmen. Cazeneuve reiste deshalb persönlich nach London, um seine britische Amtskollegin Amber Rudd an die "moralische Pflicht" der Familienzusammenführung zu erinnern. Trotz des bilateralen Abkommens sind laut Pariser Darstellung seit dem Frühjahr nur 97 Kinder und Jugendliche zu ihren Familien in England zugelassen worden. Am Montag reisten vierzehn weitere über den Ärmelkanal, ein weiteres Dutzend soll noch in dieser Woche folgen.

Insgesamt will England nur noch 300 Minderjährige aufnehmen, wobei die Zwölfjährigen und noch Jüngeren Vorrang haben sollen. Und die rund tausend Verbleibenden? "Hier besteht komplette Ungewissheit", meinte François Guennoc vom Hilfswerk L'Auberge des Migrants. Die französischen Behörden seien davon ausgegangen, dass alle Minderjährigen in England Aufnahme finden würden. Das ist seit dem Brexit offensichtlich nicht mehr der Fall. (Stefan Brändle aus Paris, 18.10.2016)

  • Ein Migrant vor dem "Dschungel" von Calais, der bald der Vergangenheit angehören soll.
    foto: afp / denis charlet

    Ein Migrant vor dem "Dschungel" von Calais, der bald der Vergangenheit angehören soll.

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