"Ein zweites Leben": Remakes und Adaptionen

19. Oktober 2016, 09:00
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Remake oder Neuverfilmung, Adaption oder Neuinterpretation: Mit der Retrospektive "Ein zweites Leben" zeigen das Österreichische Filmmuseum und die Viennale Filme mit Naheverhältnis

Wien – Vor knapp zwanzig Jahren sorgte eine außergewöhnliche Neuverfilmung für Aufsehen. Gus Van Sant hatte sich an einem Remake von Alfred Hitchcocks Klassiker Psycho versucht und dabei eine umstrittene Methode gewählt. Van Sant übernahm das Drehbuch der Vorlage beinahe originalgetreu und drehte in Farbe bis auf wenige Ausnahmen jede einzelne Einstellung Hitchcocks exakt nach. Die Abweichungen fielen gerade deshalb umso deutlicher ins Gewicht, die Ablehnung war einhellig. Die Puristen sahen in dieser Version ein Sakrileg, alle anderen eine hohle Fingerübung. Das Urteil fiel desaströs aus, Van Sant wurde mit Schmähungen überschüttet.

In Wahrheit machte man Van Sant jedoch nicht für das verantwortlich, was er getan hatte, sondern für das, was er unterlassen hatte: Als Autorenfilmer hatte er nämlich verabsäumt, sich mit seiner Version weit genug vom Vorbild zu distanzieren, war sozusagen am richtigen Maß an Differenz und Wiederholung gescheitert. Dabei hatte Van Sant im Grunde recht: Tatsächlich gibt es nur wenige kanonisierte Werke der Filmgeschichte, die ein solches Experiment herausfordern würden.

Fünf Jahre später drehte Van Sant abermals einen Film, für den er den Originaltitel einer bereits existierenden Arbeit beibehielt, jedoch einen eindeutigen Gegenwartsbezug herstellte. Der Amoklauf an der Columbine High School bildete in Elephant (2003) den Hintergrund für ein unterkühltes Jugenddrama, das den Ursachen der Gewalttat nachspürt. Mit dem gleichnamigen Film des Briten Alan Clarke aus dem Jahr 1989 verbindet Elephant indes seine Haltung: Die Reihe anonymer, kaltblütiger Morde an öffentlichen Orten in Belfast – von einer Schwimmhalle bis zum Industriegelände -, die Clarke in dokumentarischem Stil inszeniert hatte, womit er einen beklemmenden Beitrag zum Nordirlandkonflikt vorgelegt hatte, war für Van Sant Inspiration. Dafür wurde er in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.

Entscheidende Unterschiede

Dass im Rahmen von Ein zweites Leben – Thema und Variation im Film Gus Van Sants Psycho nicht, sein Elephant – in Kombination mit Clarke – aber schon zu sehen ist, macht die programmatische Idee dieser Retrospektive deutlich: die originäre Neuschöpfung aus dem Bestehenden.

Weshalb die Schau auch mit wenigen klassischen Remakes auskommt, etwa mit Hitchcock als seinem eigenen Wiederholungstäter bei The Man Who Knew Too Much oder – interessanter – mit einem Vergleich zweier Versionen von M, zunächst verfilmt vom späteren deutschen Emigranten Fritz Lang und ein zweites Mal vom ins europäische Exil verdammten Amerikaner Joseph Losey.

Dass Filme über ihre Schöpfer – hier in erster Linie Regisseure und Autoren, gelegentlich auch Darsteller – hinweg miteinander kommunizieren, ist fürwahr ein verlockender Gedanke, wiewohl es anders gar nicht denkbar ist. Das machen die Literatur und die bildende Kunst seit Jahrhunderten. Spannend und erkenntnisreich wird die Idee der Verknüpfungen, Adaptionen, Variationen und Korrespondenzen – weitere Beschreibungen für ein "zweites Leben" in der Filmgeschichte sind wohl endlos fortsetzbar – jedoch dort, wo sich die entscheidenden Differenzen herauskristallisieren. Wenn kulturelle und nationale Transfers dieselbe Erzählung, die die Menschen erhöht oder in die Knie zwingt – wie im Fall von Akira Kurosawas Der Leibwächter (1961) und Sergio Leones Für eine Handvoll Dollar (1964) -, aus einer anderen Zeit und von einem anderen Ort aus neu betrachten lassen. Und sich darüber wiederum neue Erkenntnisse finden, wie etwa in den verschiedenen Adaptierungen von Emily Brontës Roman Wuthering Heights (wo man mit Andrea Arnold wenigstens eine einzige Regisseurin hätte präsentieren können).

Rainer Werner Fassbinder, bekennender Verehrer von Douglas Sirk, bezog sich etwa mit seinem Melodram Angst essen Seele auf (1974) direkt auf das meisterhafte Vorbild All That Heaven Allows (1955), übertrug die Idee einer gesellschaftlich verunmöglichten Liebe aber von der amerikanischen Kleinstadt ins kleinstädtische München der Siebzigerjahre. Bis Todd Haynes mit Far From Heaven (2002) seine Hommage mit Julianne Moore wieder nach Amerikaner zurückbrachte und die zeitgenössischen Ängste vor Homophobie und Rassismus deutlich hervorstrich. (Michael Pekler, 19.10.2016)

Bis 30. 11.

Links

Filmmuseum

Viennale

  • Was der Himmel einer Liebenden nicht erlaubt: Jane Wyman in "All That Heaven Allows" (1955) ...
    foto: universal

    Was der Himmel einer Liebenden nicht erlaubt: Jane Wyman in "All That Heaven Allows" (1955) ...

  • ... und ihre Nachfolgerin Julianne Moore in "Far From Heaven" (2003).
    foto: constantin

    ... und ihre Nachfolgerin Julianne Moore in "Far From Heaven" (2003).

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