In Mossul geht es um alles

Kommentar17. Oktober 2016, 17:31
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Kräfte mit völlig unterschiedlichen Interessen entscheiden das Schicksal des Irak

Zwei Jahre und vier Monate nachdem der "Islamische Staat" (IS) Mossul überrannt hat, entscheidet sich dort das Schicksal des gesamten Irak. Die irakischen Streitkräfte und ihre Unterstützungstruppen, insgesamt 30.000 Mann, stehen etwa 5.000, vielleicht etwas mehr, IS-Kämpfern gegenüber. Das Zahlenverhältnis war im Juni 2014 nicht viel anders. Aber die in der Stadt stationierte irakische Armee löste sich angesichts der schwarzen IS-Fahnen in nichts auf: aus Angst vor schrecklichen unbekannten Kräften, aber auch deshalb, weil ein Teil der Einwohner Mossuls zu verstehen gab, dass er gar nicht verteidigt werden wollte.

Mossul wurde zum Inbegriff der tiefen inneren Spaltung des Irak, die nach 2003, als Saddam Hussein von den USA gestürzt wurde, mit unerwarteter Gewalt aufgebrochen war. Zehn Jahre und einen Bürgerkrieg später sahen manche arabische Sunniten – nicht begreifend, was da auf sie zukommt – im IS-Reich eine Alternative, die sich als Antithese zur "schiitischen" Zentrale in Bagdad und dem wachsenden iranischen Einfluss anbot. Die meisten aber duckten sich und versuchten einfach zu überleben.

Das wurde zuletzt immer schwieriger. Dem Beginn der Offensive ging deren Ankündigung voraus, zweifellos Teil der psychologischen Kriegsführung. Aus Mossul gibt es wenige verbürgte Informationen, aber berichtet wurde von immer mehr Hinrichtungen und dem immer öfter auf Mauern gemalten Buchstaben "M": Muqawama, Widerstand. Dass es sich beim Sturm auf die Stadt um eine Befreiung handelt – und keine Betretung von Feindesland -, versicherte Premier Haidar al-Abadi wiederholt. Nur wenn die Mossuler und die Bewohner aller anderen vom IS befreiten Gebiete zurückgewonnen werden können, hat der Irak eine Zukunft.

Es wird schwierig. Die Gruppen, die vor Mossul stehen, haben sehr unterschiedliche Einzelinteressen. Die irakische Armee steht weiterhin auf wackligen Beinen. Die Peschmerga aus der kurdischen Region, die ein schwieriges Verhältnis – und ungeklärte Grenzen – zum arabischen Teil des Irak hat, stehen in allervorderster Front, sollen aber nicht in Mossul einziehen. Das gilt auch für die schiitischen Milizen, die von den Sunniten in Mossul gefürchtet werden. Jesidische Kämpfer sind besonders motiviert: Ihre religiöse und ethnische Gruppe versuchte der IS auszulöschen. Die Christen denken an eine Neuordnung der Provinz mit eigener Teilregion. Das gilt auch für die Turkmenen, denen die kurdische Hegemonie Angst macht. Sunnitischen Stammesmilizen kommt neben dem Kampf die Aufgabe zu, die Bewohner der Stadt auf die Seite des Staats zu ziehen.

Alle sind sie Iraker. Aber es gibt auch andere: Präsident Barack Obama, der die US-Beratermission im Irak wiederholt aufstockte, will seine zwiespältige Nahost-Bilanz aufpolieren, indem der entscheidende Schlag gegen den IS noch in seiner Amtszeit erfolgt. Der Iran will den nach 2003 gewonnenen Einfluss behalten und pocht darauf, dass ohne iranische Hilfe Bagdad 2014 an den IS gefallen wäre.

Und dann sind da noch die Türken, die Abadi nicht ins Land gebeten hat, im Unterschied zum Iran und den USA. Anders als 2003 will Ankara diesmal bei der Neuordnung des Irak dabei sein. Wie in Syrien geht es für die Türkei dabei nicht nur um den IS, sondern auch um die Kontrolle der kurdischen PKK. Viel – zu viel – soll in Mossul ausgefochten werden (Gudrun Harrer, 17.10.2016)

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