"Alles Walzer, alles brennt": Es tanzt die Erzherzogin, bis sie zu den Sozis ging

17. Oktober 2016, 17:26
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Uraufführung der Untergangsrevue von Christine Eder im Volkstheater

Wien – Mit mehr zwei Millionen Einwohnern galt Wien um 1900 als eine der größten Metropolen der Welt, rühmte sich Residenzstadt eines Kaiserreiches, war kulturelles und politisches Zentrum Europas. Was ist daraus geworden? Regisseurin Christine Eder klappert in ihrer Theaterrevue Alles Walzer, alles brennt vor allem die politischen Highlights jener Zeit ab. Uraufführung war am Sonntagabend im Volkstheater.

Das Abbilden geschichtlicher Entwicklungen im Affentempo ist Christine Eder seit dem Vorjahreserfolg der Proletenpassion ff. im Werk X vertraut. In Alles Walzer, alles brennt (wieder mit Musikerin Gustav) geht es um politische Aufbruchsstimmungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Eder wesentlich mit der Gründung der "Sozial-Demokratischen Arbeiter-Partei" parallel führt. Der Abend hat dahingehend eine Schlagseite.

Eder lässt Geschichte entlang einiger Protagonisten momenthaft auferstehen: Otto Bauer, Viktor Adler, Adelheid Popp, Elisabeth Petznek, Kronprinz Rudolf oder eine fiktive Frauenfigur, die u. a. aus biografischen Daten der Widerstandskämpferin Rosa Jochmann konstruiert wurde.

Angeteasert wird ein breites Spektrum an Schauplätzen zwischen habsburgischen Kaiserbällen und der Arbeiternot in der Ziegelei am Wienerberg. Vor allem fokussiert Eder auf Bildungsreform (Reichsvolksschulgesetz), Frauenwahlrecht (1918) oder Wohnungsreform (Gemeindebauten).

Man kann die knapp zweistündige, süffige, handwerklich exzellente und informative Arbeit jedem Geschichtelernenden empfehlen. Schulen, ab ins Theater! So konkret kommt man dem Bildungsauftrag auf Bühnen selten nach. Der Abend verläuft chronologisch von 1883 (Internationale Elektrische Ausstellung) bis zum Bürgerkrieg 1934. Wodurch ihm aber auch ein Korsett umgelegt wird, und er ein Stück weit Opfer seiner aufklärerischen Vollführung wird: Man hakt als Zuseher die geschichtliche Narration mit ab – ähnlich wie die Akte bei Dramenklassikern.

Christine Eder pariert dieser Enge allerdings vorzüglich. Sie sorgt für ein lebhaftes Tempo, in dem die Illustrationen (u .a. Prospekte, Projektionen) schnell wechseln. Vor allem wird schauspielerisch aufgetrumpft!

Eine manisch-frohlockende Stempelszene, wie sie Thomas Frank als Kanzler Dollfuß hinlegt, hat die Welt noch nicht gesehen. Auch schreibt der Enthusiasmustanz des sozialdemokratisch geflashten Finanzstadtrates Hugo Breitner (Christoph Rothenbuchner) Geschichte. Klettverschluss auf und zu, wie im Flug wechseln die Schauspieler ihre Rollen, Katharina Klar als "rote Erzherzogin" auf Leuchtsohlen-Sneakers wird im Handumdrehen zum arbeitsuchenden Burschen.

Den Sound des Aufbegehrens liefert Musikerin Gustav, die das Ensemble in die Liedperformance miteingebunden hat und die doch mit ihrer kräftig-melancholischen Stimme das Agitationsidiom bestimmt. Einmal heißt es: "Lest wieder einmal Theweleit, / denn mit uns kommt die neue Zeit".

Das viele Recherchieren brachte auch die Ausstattung auf eine ungewöhnliche Idee: Bühnenbildnerin Monika Rovan hat Originalprospekte aus dem Volkstheaterfundus flott gemacht. Die schönsten Wien-Ansichten kommen hyperreal aus dem Schnürboden gefahren. Tolle Sache. (Margarete Affenzeller, 17.10.2016)

  • Royales Paar: Steffi Krautz und Christoph Rothenbuchner.
    foto: apa / klaus techt

    Royales Paar: Steffi Krautz und Christoph Rothenbuchner.

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