Wien Energie will Kunden bei Stromproduktion assistieren

18. Oktober 2016, 05:36
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Österreichs größter Energieversorger unterstützt die steigende Zahl an Kunden, die Strom selbst erzeugen wollen

Wien – Die Assoziation mit dem guten, alten Hausbesorger, der sich um alles kümmert und zumindest theoretisch rund um die Uhr verfügbar ist, sei "durchaus gewollt", sagt Michael Strebl. Bei Wien Energie heißt der neue Helfer für (fast) alle Lebenslagen "Hausmaster". Es ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern ein Assistent aus Bits und Bytes.

Wien Energie, mit rund zwei Millionen Kunden größter Energieversorger in Österreich, begibt sich als erstes Unternehmen der Branche auf stromwirtschaftliches Neuland. Kunden, die den Strom mittels einer PV-Anlage am Dach selbst produzieren wollen, soll ab sofort geholfen werden. Zugleich sichert Wien Energie ihnen Unterstützung zu, etwa bei der Speicherung des Stroms und der intelligenten Nutzung desselben.

"Die Digitalisierung verändert den Markt komplett. Das war in der Telekommunikation so und ist in der Stromwirtschaft nicht anders. Das bringt uns in Zugzwang", sagte Strebl dem STANDARD. Der gebürtige Salzburger hat – von der Salzburg AG kommend – mit 1. Oktober die Geschäftsführung von Wien Energie übernommen.

Der Trend sei unverkennbar, dass immer mehr Haushalte Strom selbst erzeugen wollten. "Man kann auf zwei Arten darauf reagieren: Die Leute belächeln, die zwei Kilowattstunden (kWh) am Dach generieren, wo wir allein im Kraftwerk Simmering fünf Milliarden kWh produziere. Oder ernst nehmen, ihnen dabei helfen und Mehrwert schaffen. Wir haben uns für Letzteres entschieden", sagte Strebl.

In einem ersten Schritt habe man Einfamilienhäuser im Fokus. Davon gebe es im Großraum Wien rund 300.000, wobei aber nur ein Teil für PV geeignet sei – wegen zu starker Beschattung des Dachs oder anderer Probleme. Die erste sogenannte "Smart-Home-Lösung" umfasst eine Photovoltaikanlage samt Speicher, einen Elektroheizstab, um überschüssigen Strom in Wärme umzuwandeln, eine Ladestation für Elektroautos sowie eine Wetterstation.

Herzstück ist Software

Das Herzstück sei eine spezielle Software, die alle Komponenten miteinander verknüpft und über eine App vom PC, Tablet oder Smartphone aus gesteuert werden kann, sagte Strebl. Der elektronische Assistent optimiere Produktion und Verbrauch und berücksichtigt in seinen Vorschlägen auch künftige Wetterlagen.

Die Kosten für die Komplettlösung bewegten sich zwischen 15.000 Euro und 25.000 Euro. Ein Teil davon werde durch Zuschüsse von Kommunen und Ländern finanziell unterstützt; Förderberatung sei in dem Gesamtpaket enthalten. "Wir arbeiten mit Planern und Errichterfirmen zusammen, der Kunde muss sich um nichts mehr kümmern", sagte Strebl.

"Geschwindigkeit wird zum Erfolgsfaktor der neuen Energiewelt," ist der Wien-Energie-Chef überzeugt. Wer gegen Google, Apple und Amazon, die mit eigenen Plattformen am wachsenden Smart-Home-Markt in den USA schon kräftig mitmischen und nun auf dem Sprung nach Europa sind, müsse rasch mit eigenen Lösungen kommen.

Erprobt und feingeschliffen wurde die von Wien Energie marktgängig gemachte Smart-Home-Lösung in Köstendorf bei Salzburg. Der Feldversuch in der Modellregion dauerte vier Jahre. "Jetzt ist es uns gelungen, daraus ein verkaufsfähiges Produkt zu machen," freut sich Strebl. Eine Vorstellung, wie viele Haushalte darauf abfahren werden, habe man nicht. Strebl: "Das ist eine langfristige Geschichte."

Unbestreitbar sei aber, dass man auf diese Weise die Kunden wieder enger ans Unternehmen binden und zumindest einige, die zur Konkurrenz abgewandert sind, zurückgewinnen möchte.

Im zweiten Quartal 2017 soll das Angebot um zahlreiche Sicherheitsfeatures wie Alarmanlage, Fernüberwachung, aber auch Multimediasteuerung ergänzt werden. Mittelfristig soll es auch Angebote für Kunden geben, die in Mietwohnungen leben (Günther Strobl, 18.10.2016)

  • Die Digitalisierung zwingt Versorger, sich neu zu erfinden. Wien Energie kommt als erstes EVU mit einem Komplettangebot für das Haus.
    foto: istock

    Die Digitalisierung zwingt Versorger, sich neu zu erfinden. Wien Energie kommt als erstes EVU mit einem Komplettangebot für das Haus.

  • Michael Strebl, neuer Geschäftsführer von Wien Energie.
    foto: photonews.at

    Michael Strebl, neuer Geschäftsführer von Wien Energie.

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