Gefängnisse in Brasilien: Ein Aufstand als Armutszeugnis

18. Oktober 2016, 07:43
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Eine Revolte zeigt die menschenunwürdige Situation: Der Staat hat schon lange kapituliert und Verbrecherbanden das Terrain überlassen

Wie viele Menschen bei den Ausschreitungen im Gefängnis Monte Cristo im Amazonas-Bundesstaat Roraima umgekommen sind, kann die Polizei noch nicht genau sagen. Von mindestens 25 toten Häftlingen ist die Rede – mehrere Insassen wurden verbrannt, mindestens sieben enthauptet. Fotos des Massakers unter verfeindeten Banden wurden, noch bevor sich die Polizei Zugang verschafft hatte, von Häftlingen in sozialen Netzwerken gepostet. Die Anführer von kriminellen Gangs haben in Monte Cristo das Sagen. Der Staat hat sich schon lange aus dieser Parallelwelt zurückgezogen. "Brasilianische Gefängnisse sind eine wahre Schule des Verbrechens", hatte auch Ex-Justizminister José Eduardo Cardozo eingestanden. In Brasilien herrsche eine "Kultur des Wegschließens", die aber die Probleme nicht löse.

Die Haftanstalt Monte Cristo nahe der Stadt Boa Vista im Norden des Landes gilt als eine der brutalsten in ganz Brasilien. Sie steht aber stellvertretend für das kaputte System. Hier sitzen Mitglieder des Verbrechersyndikats Primeiro Comando Capital (PCC, Erstes Hauptstadtkommando) aus São Paulo und der verfeindeten Gang Comando Vermelho (CV, Rotes Kommando) aus Rio de Janeiro ein. Beide Banden streiten um die Vorherrschaft im Drogen- und Waffengeschäft, finanzieren sich durch Schutzgelderpressungen. Die Häftlingstrakte sind räumlich getrennt, aber oft nur durch einfache Vorhängeschlösser.

Polizei stürmt Gefängnis

Am Sonntag zur Besuchszeit brachen Mitglieder des PCC die Schlösser auf und stürmten mit Messern und Holzstöcken in die Zellen der verfeindeten Gangmitglieder. Rund 100 Besucher wurden als Geiseln genommen, nach Verhandlungen mit der Polizei aber wieder unversehrt freigelassen. Mehrere Häftlinge verlangten einen Richter: Sie wollten auf die menschenunwürdigen Haftbedingungen aufmerksam machen. Stattdessen aber stürmte die Polizei das Gebäude.

Das Massaker zeigt die ganze Brutalität und Verwahrlosung in brasilianischen Haftanstalten. Monte Cristo ist für 700 Insassen gebaut, aber mit 1.400 Gefangenen hoffnungslos überbelegt. Zur Zeit des Aufstands hatten nach offiziellen Angaben nur acht Wärter Dienst. Auch ist es ein offenes Geheimnis, dass die Haftanstalt praktisch in den Händen des PCC ist. Via Internet und Smartphone gehen die Chefs von hier aus ihren Geschäften nach.

Gefangene, die nicht den "Schutz" der kriminellen Banden genießen, müssen um ihr Leben bangen. In Monte Cristo hausen sie unter Plastikplanen im Gefängnisinnenhof. Ein in einer TV-Sendung veröffentlichtes Video des Camps, das von der Gefängnisleitung autorisiert wurde, sorgte vor kurzem für Entsetzen.

Staatsanwalt machtlos

Der leitende Staatsanwalt Carlos Paixão wollte sich nach einem Aufstand im vergangenen Jahr selbst ein Bild machen. Doch er kam nicht weit, wie das Video zeigt. Kriminelle Gangs ließen ihn und schwerbewaffnete Polizisten nicht passieren. Wieder einmal wurde deutlich, wer hier regiert.

"Brutal, inhuman, entwürdigend", fasste Sonderermittler Juan Méndez vor kurzem in einem Bericht für den UN-Menschenrechtsrat die Situation zusammen. "Folter ist eine Epidemie in brasilianischen Gefängnissen", heißt es darin. Häftlinge würden weggesperrt und erst nach mehreren Monaten von der Justiz angehört. Brasilien hat mit mehr als 640.000 Häftlingen weltweit die viertgrößte Gefangenenpopulation nach den USA, China und Russland.

In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl der Gefangenen um 140 Prozent an, nicht aber die Zahl der Haftanstalten. Das Rechtssystem sieht auch bei geringeren Vergehen Haft als einzige Strafe vor. So gibt es beispielsweise keine Form der gemeinnützigen Arbeit. "Das System ist mittelalterlich. Es gibt überhaupt keine Möglichkeiten einer Resozialisierung", sagt auch Maria Laura Canineu von Human Rights Watch. (Susann Kreutzmann aus Rio de Janeiro, 18.10.2016)

  • Die Fassade des Gefängnisses in Porto Alegre. Die Haftbedingungen in Brasilien gelten als unmenschlich.
    foto: ap / felipe dana

    Die Fassade des Gefängnisses in Porto Alegre. Die Haftbedingungen in Brasilien gelten als unmenschlich.

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