Lehrervertreter zur Bildungsreform: "Anschlag auf Qualität"

Interview18. Oktober 2016, 05:30
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AHS-Gewerkschafter Herbert Weiß fürchtet, dass mit der Autonomie auch ein Sparpaket auf die Schulen zukommt

Am Dienstag präsentieren Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) und Staatssekretär Harald Mahrer (ÖVP) die wichtigsten Punkte zum Ausbau der Schulautonomie. Der neue Vorsitzende der AHS-Lehrergewerkschaft, Herbert Weiß, ist skeptisch. Wenn Direktoren künftig über die Klassenschüler-Höchstzahl entscheiden, könnten so Lehrerposten eingespart werden, warnt er im Gespräch mit dem STANDARD.

STANDARD: Sie sagen, die Lehrergewerkschaft habe zu wenig Mitspracherecht. In welchen Bereichen fehlt denn der Einfluss?

Weiß: Bei der aktuellen Bildungsreform erfahren wir aus den Medien, was geplant ist. Da würden wir gerne mitreden. Wir haben nichts gegen Autonomie, wenn man sie richtig versteht. Aber wenn man die Eröffnungs- und Teilungszahlen für Klassen streicht, wie es derzeit kolportiert wird, dann hat das für mich nichts mit Autonomie zu tun, sondern dann ist das die Vorbereitung für ein massives Sparpaket.

STANDARD: Warum ist es ein Problem, wenn der Schulleiter entscheidet, wie groß die Klassen sind?

Weiß: Unter Einbindung der Schulpartner ist das schon jetzt möglich. Wenn man das neu regelt, kann es nur heißen, dass man die Schulpartner aus dieser Entscheidung hinausdrängen will. Wenn man die Teilungszahlen abschafft, heißt das mich als gelernten Österreicher, dass man diese Maßzahlen auch nicht mehr einzuhalten braucht und so Lehrerposten einspart.

STANDARD: Sie fürchten, der Schulleiter wäre gezwungen, größere Klassen zu machen?

Weiß: Das öffnet dem Tür und Tor. Wenn man nicht mehr bestimmte Größen vorgegeben bekommt, dann kann man dem Schulleiter relativ leicht weniger Posten geben, und dann muss er autonom entscheiden, was er nicht mehr macht. Da möchte ich dann nicht in der Rolle der Direktoren stecken. Das ist ein massiver Anschlag auf die Qualität.

STANDARD: Direktoren sollen sich künftig Lehrer selbst aussuchen können. Was halten Sie davon?

Weiß: Ich habe kein Problem damit, wenn die Direktoren ein Mitspracherecht haben. Wenn sie ganz allein entscheiden, sehe ich schon ein paar Schwierigkeiten. Man kann die zuständige Behörde nicht ganz aus der Verantwortung nehmen. Für Problemschulen in Ballungszentren werden dann sehr schwer Lehrer zu finden sein, und für entlegenere Regionen ist es schwierig. Wie soll der Direktor da Lehrer hinlocken? In der Privatwirtschaft habe ich die Möglichkeit, finanzielle Zuckerln zu bieten. Das gibt es bei uns nicht.

STANDARD: Gibt es einen Punkt, der bei der Bildungsreform zu wenig beleuchtet wird?

Weiß: Es wird derzeit an viel zu vielen Stellen gleichzeitig etwas geändert. Die wirklichen Bildungsexperten sagen auch, man solle die Reformen, die jetzt geltend werden, in Ruhe durchziehen und abwarten, wie sie sich auswirken.

STANDARD: Ihr Vorgänger Eckehard Quin ist bekannt für markige Sprüche. Er bezeichnete mögliche Pläne für Modellregionen zur Gesamtschule als "Schuldiktatur à la Nordkorea". Was soll Ihre Amtszeit ausmachen?

Weiß: Das kann ich nicht sagen, weil ich nicht weiß, was mich erwartet. Wenn tatsächlich Modellregionen zur Gesamtschule ohne die Zustimmung von Lehrern und Eltern eingeführt werden, dann werde ich meinen Mund sicher nicht halten. Wenn das, was die sogenannten Experten da erfinden, so toll wäre, dann würde es keine Schule geben, die sich dagegen verwahrt. Ich habe das Gefühl, die Politiker meinen, sie seien gescheiter als das Wahlvolk und müssten gegen dessen Meinung entscheiden. Das ist noch keine Diktatur, aber mit einer wirklichen Demokratie hat das auch nichts zu tun. (Lisa Kogelnik, 18.10.2016)

Herbert Weiß (55) wurde vergangene Woche zum neuen Vorsitzenden der AHS-Lehrergewerkschaft gewählt. Der Christgewerkschafter ist Lehrer für Mathematik und Darstellende Geometrie in Graz.

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  • "Ich habe das Gefühl, die Politiker meinen, sie seien gescheiter als das Wahlvolk", sagt Herbert Weiß.
    foto: apa/rauch

    "Ich habe das Gefühl, die Politiker meinen, sie seien gescheiter als das Wahlvolk", sagt Herbert Weiß.

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