Ankara kämpft um Platz beim Sturm auf Mossul

17. Oktober 2016, 17:15
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Terrorbedrohung durch den IS und Vormachtanspruch im Irak: Erdoğan will den "Brüdern" helfen

Ankara/Athen – Es gibt die einen, die dabei sind, und jene, die dabei sein wollen. In Fortsetzung seiner sexistisch-martialischen Rede vom vergangenen Wochenende ("Man kann als Mann sterben oder als Madame. Wir sind bereit zu sterben. Aber wir wollen als Männer sterben.") pochte der türkische Staatschef Tayyip Erdoğan am Montag auf die Beteiligung seines Landes an der Rückeroberung der irakischen Stadt Mossul.

"Wir sind auch bei dieser Operation dabei, wir werden auch am Tisch sein. Es ist unmöglich, dass wir außen vor bleiben", sagte Erdoğan in einer Rede bei einem Rechtskongress in Istanbul: "Denn dort liegt für uns Geschichte."

Der irakische Regierungschef jedoch, der seit einem Jahr den Abzug der türkischen Soldaten von einer Basis nahe Mossul fordert, stellte in seiner Fernsehansprache am Montag klar: Nur die irakische Armee und die Polizei würden in die befreite Stadt einrollen.

Wichtigste IS-Bastion

Mit wechselnden Argumenten beharrte die türkische Führung zuletzt auf die Teilnahme am Sturm auf Mossul. Außenminister Mevlüt Çavusoğlu argumentierte am Sonntag wieder mit der Gefahr, die von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) für die Türkei ausgehe. Mossul ist die wichtigste Bastion des IS im Irak. "Wir werden gegen jede Entwicklung, die unsere Sicherheit bedroht, gestützt auf das internationale Recht, unser Recht vollständig ausschöpfen", kündigte der türkische Außenminister an. Çavusoğlu bezog dabei auch die kurdische Untergrundarmee PKK ein, die im Nordirak ihre Basis hat und Terroranschläge in der Türkei verübt.

Erdoğan wiederum macht jenseits der Terrorgefahr durch den IS auch einen politischen Vormachtanspruch der Türkei im Nordirak geltend. Dies soll die nationalistische Wählerschaft in der Türkei ansprechen, deren Stimmen Erdoğan bei einem nun möglich gewordenen Referendum über eine Präsidialverfassung im nächsten Frühjahr braucht. In seiner Rede am Montag in Istanbul verwies der Präsident auf den sogenannten Nationaleid der türkischen Unabhängigkeitsbewegung nach dem Ersten Weltkrieg. "Sie sollen den Misak-i Milli lesen", sagte Erdoğan an die Gegner einer türkischen Intervention gerichtet – in erster Linie die irakische Zentralregierung; "Sie sollen verstehen, was uns Mossul bedeutet."

Der Misak-i Milli von 1919 war ein Schwur der Unabhängigkeitsbewegung um Kemal Atatürk, der die Grenzen der künftigen Republik Türkei festlegte: Die Vilayate Mossul und Aleppo aus osmanischer Zeit waren ebenso dabei wie Batumi in Georgien. "In Mossul sind unsere Brüder", erklärte Erdoğan – "Araber, Turkmenen, Kurden".

Hindernisse für USA

Erdoğan schickte am vergangenen Wochenende den Generalstabschef der Armee, Hulusi Akar, rasch in die USA. Akar soll die Modalitäten für eine türkische Beteiligung an der Rückeroberung Mossuls aushandeln. Für Washington aber sind die neoosmanischen Ambitionen der türkischen Führung ebenso wie ihr Kurdenproblem und die religiöse Fixierung nur ein zusätzliches Hindernis in einer sehr komplexen Operation.

Ankara hat sich ausbedungen, dass weder Kurden der PKK oder der syrisch-kurdischen PYD noch schiitische Milizen am Angriff auf Mossul beteiligt sind. Erdoğan und seine Partei AKP sind sunnitisch geprägt. Allerdings ist auch ein Teil der Turkmenen, die Ankara vorgibt zu verteidigen, schiitisch. So groß aber scheint Erdoğans Selbstvertrauen, dass er in den vergangenen Tagen wiederholt den irakischen, schiitischen Premier Abadi abkanzelte. (Markus Bernath, 17.10.2016)

  • "Wir sind auch bei dieser Operation dabei, wir werden auch am Tisch sein. Es ist unmöglich, dass wir außen vor bleiben", sagt der türkische Präsident Tayyip Erdogan.
    foto: ap / yasin bulbul

    "Wir sind auch bei dieser Operation dabei, wir werden auch am Tisch sein. Es ist unmöglich, dass wir außen vor bleiben", sagt der türkische Präsident Tayyip Erdogan.

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