Radikalisierung: Experte fordert Medienkompetenz

17. Oktober 2016, 17:12
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Um Radikalisierung vorzubeugen, verlangt Soziologe Kenan Güngör, das Thema in die Schule zu tragen. Auch gemischte Freundeskreise würden helfen

Wien – Es seien Jugendliche, die noch keine gefestigten Ideologien hätten. Keine Extremisten, sondern Teenager auf der Suche nach ihrer Identität, nach Orientierung und Halt. So beschreibt Gabriele Langer, Geschäftsführerin der Wiener Jugendzentren, jene 27 Prozent der muslimischen Jugendlichen aus der offenen Jugendarbeit, die laut einer Studie der Stadt Wien als latent radikalisierungsgefährdet gelten. "Wenn sie auf ein entsprechendes Angebot treffen, sind sie leicht beeinflussbar", sagt Langer im Gespräch mit dem STANDARD. Das Angebot ist in diesem Fall der religiöse Extremismus. Er biete "einfache Antworten auf komplizierte Fragen". Ähnliches kenne man von Sekten und vom Rechtsextremismus. Allerdings: "Nicht jeder, der gefährdet ist, driftet auch ab."

Ob es zu einer Radikalisierung kommt, hänge von vielen weiteren Faktoren ab. So zeigt die Studie (401 Befragte), dass Radikalisierung eher junge Männer betrifft. Frauen fallen nur zu drei Prozent in die Gruppe der Gefährdeten, Männer zu 33 Prozent. Blickt man auf die Herkunftsländer, wirken Tschetschenen besonders gefährdet. 50 Prozent der Befragten zählen zu dieser Gruppe. 29 Prozent gelten als Ambivalente und 21 als Gemäßigte. Das habe mit der Biografie zu tun. "Eigene Gewalterfahrungen führen zu einer Neigung der Gewaltbejahung", sagt Langer. Hinzu komme ein Männerbild, das mit Heldentum und Kampfbereitschaft verbunden sei, sagt Studienautor Kenan Güngör.

foto: matthias cremer, grafik: der standard, quelle: stadt wien

Brodeln bei der Jugend

Das "Brodeln" habe man seit einiger Zeit gespürt, sagt Langer. Die Jugendarbeiter hätten zunehmend beobachtet, dass es bei den unterschiedlichen Gruppen zu Abwertungen gegen andere komme. So weisen etwa 54 Prozent aller befragten Jugendlichen Rassismus auf. Unter den muslimischen Teenagern sind es sogar 63 Prozent.

Ercan Nik Nafs, Kinder- und Jugendanwalt der Stadt Wien und Koordinator des Wiener Deradikalisierungsnetzwerks (seine Frau Caroline Nik Nafs ist Koautorin der Studie, Anm.), war selbst zwanzig Jahre in der Jugendarbeit tätig. Auch er kennt das Problem. Erfahrung mit Abwertungen würde man schon seit drei bis vier Jahren haben. "Abwertung heißt aber nicht gleich Gewaltbereitschaft." Diese Verbindung sei neu. Hier seien die Politik, Gesellschaft und Institutionen gefragt: Integrations- und Jugendarbeit müsse stärker vernetzt werden. Zudem müsse vermehrt Forschung hinsichtlich Rechtsextremismus passieren, nicht nur des europäischen, sondern etwa auch des türkischen Nationalismus. Man dürfe sich nicht nur auf Beobachtungen verlassen.

Gruppen mischen

Jugendzentren seien "Orte, die Menschen unterschiedlicher Herkunftsgruppen zusammenbringen", sagt Langer. Dies sei wichtig, um Vorurteile abzubauen, sagt Güngör: "Je heterogener der Freundeskreis ist, desto geringer sind die Abwertungen." Daher müsse man verschiedene soziokulturelle Gruppen auf allen möglichen Ebenen mischen: in Kindergarten, Schule und in verschiedenen Freizeitprojekten.

foto: dpa/oliver berg
"Sie besitzen das technische Wissen, aber keine Contentkompetenz", sagt Kenan Güngör.

Zudem zeige seine Studie, dass mit einer besseren Bildung auch die Abwertungen gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen abnehmen würden. Die zuständige Integrations- und Bildungsstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) sieht dies ähnlich: Man müsse den jungen Erwachsenen eine Zukunft bieten: "Da hilft die Wiener Ausbildungsgarantie, und wir brauchen die gemeinsame Schule." Niemand solle in Wien nur die "Schulpflicht absitzen". Durch Aussichten auf einen Job und einen Abschluss seien die Jugendlichen "vor den Fängen der Extremisten besser geschützt".

Medienkompetenz in Schule

Güngör plädiert dafür, dass den Schülern Medienkompetenz gelehrt wird. "Sie besitzen das technische Wissen, aber keine Contentkompetenz." Es gebe zu wenig Vielfalt in der Internetnutzung, die Informationen würden nur aus dem Kreis geliefert werden, in dem sie sich aufhalten. Außerdem müsse die Schule mehr auf Themen, die Jugendliche beschäftigen, eingehen. So solle bei Antisemitismus nicht nur über die europäische Geschichte gesprochen werden, sondern auch über den arabischen Raum. "Sonst passiert die Diskussion woanders." (Oona Kroisleitner, 17.10.2016)

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