STANDARD-Redakteurin Renate Graber rät Journalisten: "Nehmen Sie sich selbst nicht allzu wichtig"

18. Oktober 2016, 20:30
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Die Rede von STANDARD-Wirtschaftsjournalistin Renate Graber an die Journalismus-Absolventen der FH Wien im Wortlaut

Wien – Ohne Zorn und Eifer sollen die Jungjournalisten ihre Arbeit angehen. Diesen Appell richtete STANDARD-Journalistin Renate Graber an jene Kolleginnen und Kollegen, die am Dienstagabend ihren Studienabschluss feierten.

Bei der Sponsionsfeier des Instituts für Journalismus und Medienmanagement der FH Wien der WKW erinnerte die Wirtschaftsjournalistin die Absolventinnen und Absolventen an journalistische Grundtugenden, daran, dass ihre Macht nur geliehen ist und dass sie sich selbst nicht zu wichtig nehmen sollen.

Die Rede im Wortlaut

"Ja, guten Abend an Sie alle, ich freue mich, dass ich eingeladen bin, zu diesem festlichen Anlass, zu diesem freudigen Ereignis möchte ich fast sagen, zu Ihnen zu sprechen.

Ein freudiges Ereignis ist die Vollendung des Studiums ja, wenngleich man den Begriff üblicherweise für Ereignisse wählt, die früher im Leben stattfinden, ja also fürs erste, was uns Menschen so widerfährt.

Ja und Sie, Sie alle haben sich nun in die Medienwelt durchgekämpft, und da stehen Sie nun, frisch hineingeboren in die Welt der Zeitungen, die Welt des Fernsehens, die Welt des Rundfunks, die Welt von Social Media, in die Online-Welt.

Reinheit des Herzens

Man mag die Reihenfolge dieser meiner Aufzählung umkehren, man mag die Reihenfolge dieser meiner Aufzählung durcheinander würfeln, doch das ist letztlich egal. Das, worum es geht im Journalismus ist unabhängig von seiner Darstellungsform, ist unabhängig vom Vertriebskanal. Es geht, und bitte verzeihen Sie dieses etwas altertümliche und aus der Mode gefallene Wort, es geht um die Reinheit des Herzens.

Und wenn Sie nun schon fürchten, die nächsten fünfzehn Minuten einen Vortrag über Herzensbildung, Herzenswärme und die Kardiologie im Journalismus im Allgemeinen und Speziellen anhören zu müssen und schon ans Buffet denken – gibt es eines? – darf ich Sie beunruhigen. Es wird viel schlimmer.

Die Sache mit dem reinen Herzen ist nämlich gar nicht so einfach. Die Absolventinnen und Absolventen unter Ihnen, die mich in der einen oder anderen Lehrveranstaltung als Vortragende hatten, wissen, was ich damit meine: Wir Journalisten sind dazu da zu berichten, was in der Welt geschieht – und zwar: Sine ira et studio, also ohne Zorn und Eifer, wie das Tacitus genannt hat – unvoreingenommen und unparteilich kann man es natürlich auch nennen. Ohne dermaßen reines Herz gibt's keinen aufrechten Gang, so meine ich, und ohne aufrechten Gang keinen guten Journalismus.

Medien unter Druck

Die Alte erzählt von alten Hüten, mögen Sie nun denken – aber glauben Sie mir, die da draußen, die schon auf Sie warten und Ihnen lächelnd versichern, wie sie sich freuen, dass wieder junge, gut ausgebildete, kritische Journalisten auf den Medienmarkt kommen und die Ihnen erklären, wie wichtig Unabhängigkeit, Unbestechlichkeit und eben dieser aufrechte Gang den Mächtigen gegenüber sind, die werden Ihnen das Leben und Ihren Job nicht leicht machen, gar nicht leicht.

Und da meine ich nicht in erster Linie die Medienmacher, die Herausgeber, die Chefredakteure, die Ressortchefs, die Kollegen mit denen Sie zu tun haben werden. Wiewohl natürlich auch sie immer mehr unter Druck geraten angesichts sinkender Inseratenvolumina und angesichts der betriebswirtschaftlichen Schwierigkeiten, die die Digitalisierung der Medien, die das Online-Geschäft mit sich bringen, vor allem in Österreich, dem Land des Online-for-free.

Da können Sie noch so anständig und professionell und reinen Herzens arbeiten – was schlimmstenfalls passiert, wenn die Zahlen nicht mehr stimmen und die Eigentümer nicht mehr zahlen, konnten Sie gerade live studieren, am Beispiel Wirtschaftsblatt. Man geht unter – auch aufrechten Gangs.

Die andere Seite

Doch darüber möchte ich mich an dieser Stelle gar nicht verbreitern – mir geht es um die andere Seite.

Denn Sie, die Sie heute hier Ihre Sponsion feiern, werden nicht nur in die Welt der Medien und die Welt der Politik entlassen, sondern auch in die Welt von deren ständigen Begleitern. Die Welt der Pressesprecher, die Welt der Kommunikationsabteilungen und professionellen Kommunikatoren, die Welt der Public Relations, PR, der Lobbyisten und Berater – kurzum: in die echte Welt.

In der werden Sie sich zurechtfinden und behaupten und beweisen müssen, mit Ihrer journalistischen Arbeit, denn es gibt nur diese eine, diese echte Welt.

Und die wird es Ihnen, wie gesagt, nicht leicht machen, gar nicht leicht. Denn nicht immer sind die Rollen der Leute, bei denen wir recherchieren so klar ausgeschildert, wie wenn Sie sich als Journalist – zum Beispiel – an eine Pressestelle wenden. Bei umfangreicheren Recherchen begegnen uns immer öfter auch Personen, die ihre Rolle im Unklaren lassen, wenn nicht gar zu verschleiern suchen. Die nicht sagen wollen, in wessen Auftrag, in wessen Interesse sie handeln – und deren Rolle erstens und Informationen zweitens daher besonders akribisch hinterfragt werden müssen.

Wir Journalisten suchen Informationen, wir finden Informationen, wir sortieren Informationen, wir liefern Informationen – und sollten dabei doch nie vergessen, dass unsere Quellen genau dasselbe tun. Informationen sind Macht, auch für die, die Journalisten informieren – never forget.

Erzählen, was geschieht auf der Welt

Und damit wären wir wieder beim Journalismus ohne Zorn und ohne Eifer, sine ira et studio. Denn egal, von wem wir Informationen bekommen, was zählt ist nicht der Absender, sondern was zählt, sind die Fakten.

Da mag die Versuchung noch so groß sein, unsympathische Fakten von unsympathischen Informationsquellen einfach unter den Tisch fallen zu lassen oder gar nicht erst einzuholen – und diese Versuchung gibt es, denken Sie nur an Probleme rund um die Flüchtlingswelle.

Aber Sie als Journalisten sind dazu da, zu erzählen, was geschieht auf der Welt, und dafür haben Sie nur das Werkzeug des Faktensuchens und Faktenfindens an der Hand. Alles andere können sie getrost den Populisten überlassen, und die können Sie kritisieren voll Eifer und Zorn. Aber eben nur in Ihren Kommentaren – die Sie hoffentlich auch schreiben werden oder senden, bloggen oder was auch immer.

Vernaderung und Majestätsbeleidigung

Schwer werden es Ihnen auch Politiker und andere Mächtige machen, die mit kritischem Journalismus immer weniger anfangen können. Wobei, so darf man das nicht sagen: Kritischer Journalismus gilt den einen wie den anderen als eine der wichtigsten Säulen unserer Demokratie, wie sie nicht müde werden, in der Öffentlichkeit zu betonen. Sehr oft und immer öfter aber ist das nicht mehr als ein scheinheiliges Lippenbekenntnis.

Denn in aller Regel, und da plaudere ich nicht nur aus meinem eigenen Nähkästchen, gilt das nur, so lange jemand anderer von kritischer Berichterstattung betroffen ist. Der Konkurrent, der politische Widersacher mag wohl von den Medien genau beleuchtet und beschrieben und gar gegeißelt werden – aber man selbst doch, bitte, wirklich nicht.

Geht's um die eigene Person, ist es um die passive Kritikfähigkeit also schnell geschehen. Da sind dann nur positive Geschichten gute Geschichten, kritische werden unter dem Stichwort "Vernaderung" oder "Majestätsbeleidigung" abgelegt und für ehebaldigste Retorsionsmaßnahmen aufgehoben.

Und die gibt es durchaus: Da werden kritische Autorinnen und Autoren nicht mehr zu Hintergrundgesprächen von Ministern eingeladen, nicht auf Informationsreisen mitgenommen – Stichwort: Information ist Macht – oder sie werden schlicht vernadert und ins unkorrekte Eck gestellt.

Fehler passieren

Da könnte ich Ihnen jetzt viel aus meiner eigenen Erfahrung erzählen – aber darum geht es letzten Endes nicht. Nur so viel: Ich halte unberechtigte persönlichen Anfeindungen und Unterstellungen, die durchaus auch unter der Gürtellinie liegen, auch nach vielen Jahren im Journalismus nur schwer aus. Aber: Es gilt, die Dinge sportlich zu nehmen, auch wenn einem dabei manchmal fast die Puste ausgeht. Mein Tipp: Bleiben Sie zäh – die beste Antwort des Journalisten auf derartige Fouls ist: seine nächste Geschichte.

Wobei natürlich auch Fehler geschehen. Nie werde ich zB den Abend vergessen, an dem unsere Innenpolitik einen – übrigens noch immer im Amt befindlichen – Minister irrtümlicherweise um ein Jahr älter gemacht hat. Das Gezeter der Pressesprecherin, die natürlich gleich nach dem Erscheinen der Geschichte angerufen hat, war auch für mich am anderen Eck unseres doch recht großen Newsrooms noch bestens zu hören. Der damalige Sozialminister, den mein Ressort, das Wirtschaftsressort, einmal gleich um zehn Jahre älter gemacht hat, hat sich vergleichsweise leise aufgeregt.

Selbstverständlich haben wir in beiden Fällen entsprechend um Verzeihung gebeten und unsere Darstellung berichtigt – so wie wir das bei allen Fehlern zu machen haben, die uns unterlaufen. Und natürlich machen Journalisten auch Fehler, die sie aufklären müssen, für die sie sich entschuldigen müssen und für die sie – nicht selten – auch zahlen müssen.

Guter Journalismus ist ein Grenzgang

Oft aber geht es im Journalismus nicht um offensichtlich Richtig oder Falsch, sondern um ungleich schwerer zu entscheidende Fragen der Grenzziehung. Was ist berichtenswert? Wer ist eine Person öffentlichen Interesses, über die Sie berichten dürfen? Wann dürfen Sie über ein Gerücht berichten? Wie gehen Sie mit Dementis um? Wie mit Klagsdrohungen und anderen Einschüchterungsversuchen? Wie wahren Sie die Unschuldsvermutung?

Fragen, die Ihnen in der einen oder anderen Form immer wieder begegnen werden – denn guter Journalismus ist auch ein Grenzgang. Und eine Gleichung lässt sich nach meinem Dafürhalten nicht wegdiskutieren: Je schlechter die Inseratenlage von Medien ist, je angespannter die Finanzen der Verlagshäuser sind, desto klags- und streitlustiger sind die, über die in den Medien berichtet wird und die, meistens, den längeren finanziellen Atem haben.

Ein bisserl Selbstreflexion hat noch nie geschadet

Jetzt mögen Sie denken, da spricht eine, die seit 30 Jahren Journalistin ist, und auch solche eher haarigen Geschichten schreibt, die gemeinhin unter dem Label "Investigativ-Journalismus" laufen. Jetzt mögen Sie denken, das alles geht doch uns nicht viel an, uns, die wir gerade unsere ersten, vielleicht noch zaghaften, beruflichen Schritte setzen. Sollten Sie das denken, dann sage ich Ihnen: Sie irren.

Erstens bin ich schon länger Journalistin.

Und zweitens: Die Frage nach der Grenzziehung im Journalismus stellt sich sehr oft auch bei der Recherche für alltägliche, für unauffällige und für kleine Geschichten – oder besser gesagt: Diese Fragen sollten sich stellen. Denn es gilt hier wie überall im Leben: Ein bisserl Reflexion und Selbstreflexion haben noch nie geschadet.

Ich möchte überhaupt den Appell erheben: Gehen wir uns doch nicht selbst in die Falle. Uns, oder unseren Blogs, unseren Tweets, in denen wir uns mit uns und unseren Meinungen und unseren Veröffentlichungen beschäftigen, und mit unseren Followern um uns selbst herumtanzen. Bis uns schwindlig wird, betrunken von unserer eigenen Bedeutsamkeit.

Geliehene Macht

Lassen Sie mich's noch anders sagen: Bei aller Notwendigkeit für Journalisten, sich selbst und ihre Arbeit zu vermarkten: Nehmen Sie sich doch selbst nicht allzu wichtig. Nehmen Sie Ihre Aufgabe als Publizisten wichtig und ernst, nehmen Sie Ihre Recherchen ernst, nehmen Sie die Leute ernst, mit denen Sie zu tun haben und die es mit Ihnen zu tun bekommen, nehmen Sie Berichterstattung und Kommentierung ernst – aber bleiben Sie sich selbst gegenüber kritisch.

Wie ich das meine? Die Macht des Veröffentlichens, des Öffentlich-Machen ist Journalisten doch nur geliehen. Wir sind nur wichtig, so lange wir eine Visitenkarte vorweisen können, die uns als Vertreter eines Mediums ausweisen – und sei es auch noch so unbedeutend. Nur als solche Mittler von Informationen, als leibhaftige Multiplikatoren werden wir informiert, werden wir eingeladen, werden wir ausgeladen, werden wir hofiert, von mir aus auch, verdammt. Oder, um es mit einer klugen Politikerin zu sagen, mit der ich einst über einen gescheiterten Manager gesprochen habe: "Gegrüßt wird nur die Funktion."

In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihren Namen bald auf der Visitenkarte eines Mediums wiederfinden, für das Sie gern arbeiten möchten. Mit Herzblut und reinen Herzens.

Viel Glück dafür und viel Kraft dafür wünsche ich Ihnen.

Denn, wie gesagt, man wird es Ihnen nicht leicht machen, aber Ihr Einsatz wird sich auszahlen. Sie haben die Voraussetzungen für den besten Beruf der Welt, machen Sie was draus!" (red, 18.10.2016)

  • Renate Graber an die Jungjournalistinnen und -journalisten: "Ein bisserl Reflexion und Selbstreflexion haben noch nie geschadet."
    foto: matthias cremer

    Renate Graber an die Jungjournalistinnen und -journalisten: "Ein bisserl Reflexion und Selbstreflexion haben noch nie geschadet."

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