Donald Trump: Verlust der Scham

Userkommentar17. Oktober 2016, 11:46
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Was die Entgleisungen von Trump, Duterte und europäischen Rechtspopulisten mit dem Internet zu tun haben. Eine sozialgeschichtliche Betrachtung

Im ersten Moment war ich freilich erstaunt. Als ich auf Youtube unter einer von schwerem Intellekt getragenen Kultursendung – nichts Geringeres als eine Dokumentation über den deutschen Denker Theodor W. Adorno – die Kommentare nachlas, fand ich wüste und niveaulose Beschimpfungen des Philosophen. Dann besann ich mich. Mir fiel ein: Das ist normal im Internet. "Verfall der Sitten", könnte man es altmodisch bezeichnen. Ein bisschen weniger pathetisch: Es gibt heute keine Manieren mehr.

Adorno hätte dem zugestimmt. Von ihm hätte man über Donald Trump auch mehr lernen können als tagespolitische Empörung, wusste er doch, dass Erscheinungen dieser Art Ausdruck von größeren gesellschaftlichen Veränderungen dahinter sind. Und er hätte erkannt, dass sich in unterschiedlichen Gestalten wie dem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten, dem philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte sowie reüssierenden europäischen Rechtspopulisten vom Schlage Herbert Kickls und Norbert Hofers, die sich an keine Regeln von Fairness und anständigem Benehmen mehr gebunden fühlen, nicht weniger als der historisch bedeutsame Zerfall des bürgerlichen Subjekts vor unseren Augen abspielt. Und das unter den Bedingungen einer ganz neu erstehenden Kultur: der moderner sozialer Medien.

Die Maske des Bürgertums: Das 19. Jahrhundert

Das Gefühl für Anstand, kurz Scham genannt, erreichte vielleicht in den klassisch bürgerlichen Schichten des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt. Vom Viktorianischen Zeitalter spricht man wie vom Inbegriff der Prüderie. Nicht umsonst spielen sich an der Schwelle zum 19. Jahrhundert jene Entwicklungen ab, die der an den Disziplinierungsmaßnahmen der bürgerlichen Gesellschaft interessierte Michel Foucault untersucht hat.

Freilich waren die Leute damals keine besseren Menschen als heute. Das von Trump zitierte obszöne Umkleidekabinengespräch hat es immer gegeben. Nach außen hin gab es die schöne Fassade, das auf Gemälde und später auf Fotografie gebannte Familienidyll. Dahinter aber die Leichen im Keller. Dr. Jekyll und Mr. Hyde waren die passende Metapher dafür. Sigmund Freud zog daraus seine duale Konzeption von Bewusstem und Unbewusstem. Schriftsteller wie Henrik Ibsen kritisierten das Lügengebäude, auf dem das Bürgertum errichtet war.

Die Maske beginnt zu bröckeln: Nationalsozialismus und 68er-Generation

Der Nationalsozialismus, der sich, in freier Anlehnung an Charles Darwin und Friedrich Nietzsche, an Moral nicht mehr gebunden fühlen wollte, zeigte die Erosion des bürgerlichen Subjekts auf. Unter ganz anderen Vorzeichen setzte sich dessen Auflösung später in den 60er- und 70er-Jahren fort. Viele werden es heute kaum mehr nachempfinden können, als was für eine Befreiung aus einem vollkommen normierten Leben es von den Jugendlichen damals empfunden wurde, wenn sie in den Büchern Charles Bukowskis plötzlich das Tabuwort "Ficken" geschrieben fanden, oder was für einen Stein des Anstoßes es darstellte, dass bei der Serie "Ein echter Wiener geht nicht unter" erstmals im österreichischen Fernsehen mundartliche Schimpfwörter fielen.

Die Botschaft, die man darin las, war die einer Rebellion gegen die Heuchelei der Gesellschaft. Wenn die Soldaten das Wort "Ficken" auf ein Flugzeug schmieren, dann werden sie dafür bestraft, aber Kinder bombardieren ist in Ordnung, heißt es, frei erinnert, sarkastisch in dem Vietnamfilm "Apocalypse Now" (1979).

Pornografische Filme waren ab 1975 in Deutschland nicht mehr verboten, wurden aber trotzdem bitte nur ganz im Geheimen angeschaut.

Die Maske fällt: Das digitale Zeitalter

Was für eine andere Welt heute: Geheim tut man hier gar nichts mehr. Pornos ergießen sich auf Knopfdruck aus dem Internet, man spricht vergleichsweise zwanglos darüber, und selbst Kinder kann man nicht wirklich davon fernhalten.

In dieser Art neuen öffentlichen Raums erodieren notwendigerweise auch die Schamgrenzen, die früher einmal das bürgerliche Subjekt zusammenhielten. Darüber hätte man sich als linker Aktivist der 68er-Zeit vielleicht gefreut. Heute agiert die Linke aber auf der anderen Seite und versucht mittels Einforderung von ihren eigenen Vorstellungen entsprechender Political Correctness den vorhandenen Rest bürgerlichen Anstands neu zu definieren.

Die Gestalten indes, die durch den Zerfall sozialer Normen nach oben gespült werden, sind von sehr seltsamer Art.

Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als die Zivilisation

Der amerikanische Unternehmer Trump, der in einer Art Dauerporno zu leben scheint, wird nicht nur trotz, sondern möglicherweise gerade aufgrund seines enthemmten Verhaltens zwar noch nicht gleich US-Präsident, kommt damit aber doch ziemlich weit. Der philippinische Präsident Duterte richtet gar ganz offen ein "Fickt euch" der EU aus und redet damit leider nicht nur so vulgär, wie man das bislang von keinem Staatsoberhaupt für möglich gehalten hat – nein, er stiftet wahrhaftig Morde an und wird von seinem Volk dafür geliebt.

In Österreich muss sich Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer demgegenüber noch in einer gewissen Zurückhaltung üben und damit begnügen, seinen Diskussionspartner mit dem vergleichsweise harmlosen Satz "Reden Sie mit der Flasche, die redet nicht zurück" zu beleidigen. Auf Facebook holen die FPÖ-Anhänger (und nicht nur die) freilich schon längst viel weiter aus.

Vielleicht ist man lange zu Unrecht von einem linearen Fortschritt der Menschheit ausgegangen und hat geglaubt, dass hinter einmal erworbene Errungenschaften nicht mehr zurückgefallen werden kann. Was hier auf dem Spiel steht, das ist nicht weniger als das, was wir modernen Menschen unter Zivilisation verstehen. (Ortwin Rosner, 17.10.2016)

Ortwin Rosner (Jahrgang 1967), abgeschlossenes Studium der Germanistik und Philosophie in Wien, Diplomarbeit 2003 bei Wolfgang Müller-Funk mit dem Titel "Körper und Diskurs. Zur Thematisierung des Unbewussten in der Literatur anhand von E. T. A. Hoffmanns 'Der Sandmann"', erschienen 2006 im Verlag Peter Lang; lebt als Schriftsteller in Wien.

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