Paranoia unter Politikern: Was Wikileaks wirklich erreichen will

17. Oktober 2016, 08:43
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Wikileaks-Gründer Julian Assange skizzierte bereits vor zehn Jahren, welchen Effekt die Plattform haben soll

"Man stelle sich vor, was passieren würde, wenn Parteien ihre Mobiltelefone, Faxgeräte und E-Mail-Korrespondenz aufgeben müssten – ganz abgesehen von ihren Computersystemen, die Listen an Unterstützen, Budgets, ihre Strategie und mehr managen: Die Partei würde sofort in organisatorisches Chaos gestürzt werden und verlieren." So beschrieb Wikileaks-Gründer Julian Assange bereits vor zehn Jahren seine Vision gegen "Verschwörungen" in Form mancher politischer Parteien. Mittlerweile ist Assange diesem Ziel einen großen Schritt nähergekommen, zumindest was die US-Demokraten betrifft.

Wegwerftelefone sind wieder in

Wie Wired berichtet, haben Mitarbeiter der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, aber auch zahlreiche andere Angestellte in Organisationen der US-Demokraten ihre Kommunikation mittlerweile drastisch verändert. Nach mehreren umfassenden Publikationen interner E-Mails überlegen sie mehrfach, was sie wirklich in einer E-Mail schreiben. Aber nicht nur das: Mitarbeiter sollen hektisch ihre Accounts durchwühlt und teilweise Inhalte gelöscht haben, auch Wegwerftelefone sind wieder in.

Chaos

Assange hat denn auch schon 2006 geschrieben, dass dieser Zustand des kommunikativen Chaos durch die Furcht vor Veröffentlichungen angetrieben werden kann. Es gebe so etwas wie eine "Geheimnis-Steuer", schreibt Assange, die in diesem Umfeld immer teurer werde, je mehr publiziert würde. Entweder, Organisationen zahlten einen hohen Preis, um vermeintlich "sicher" zu kommunizieren oder sie seien gezwungen, sich ehrlich zu verhalten, denkt Wikileaks noch heute.

Ungleichbehandlung

Worauf Assange allerdings weder 2006 noch heute eingeht ist die Frage, inwiefern alle politischen Akteure in so einem Fall gleich behandelt werden müssen. Zwar werden die US-Demokraten durch die andauernden Leaks – weitere sollen folgen – stark beschädigt, über die US-Republikaner und Donald Trump gibt es auf Wikileaks jedoch nichts zu finden. US-Geheimdienste denken sogar, dass russische Hacker Wikileaks mit diesen Inhalten versorgen, da die russische Führung lieber einen US-Präsidenten namens Trump hätte.

Hinterzimmergespräche nötig?

Gegen die Idee, dass Geheimnisse zwingend mit Korruption zu tun hätte, wehrt sich etwa Hillary Clinton – just in einer von Wikileaks veröffentlichten privaten Rede. Sie erinnert daran, dass etwa schon Lincoln geheime Deals mit Abgeordneten ausschnapste, um die Abschaffung der Sklaverei durchsetzen zu können. "Wenn jeder alle Gespräche im Hinterzimmer mitbekommt, werden die Menschen 'nervös', gelinde gesagt", so Clinton.

Ihr Gegenkandidat muss sich zumindest um die Veröffentlichung privater E-Mails übrigens keine Sorgen machen – Donald Trump nutzt E-Mail nicht. Schaden durch Leaks hatte er allerdings allemal, etwa durch die Veröffentlichung seiner Steuerakte und eines kompromittierenden Videos, in denen er über sexuelle Übergriffe prahlt. Beides wurde nicht durch Wikileaks veröffentlicht. (fsc, 17.10.2016)

  • Wikileaks-Gründer Assange ist seinem Ziel von paranoiden Politikern schon näher gekommen
    foto: apa/afp/loos

    Wikileaks-Gründer Assange ist seinem Ziel von paranoiden Politikern schon näher gekommen

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